Magazin Kultur Korea

Das koreanische Neujahr

Von Alexander Reisenbichler

Das koreanische Neujahr besteht aus zwei unterschiedlichen Festen – dem ersten Neujahrstag (Seollal), einem Familien- und Ahnenfest, und dem ersten Vollmond im neuen Jahr (Daeboreum), einem Dorffest.

Seollal beginnt normalerweise mit langen Autoschlangen, die sich aus den Megastädten in die kleinen Straßen der Dörfer zwängen und sich hoffnungslos verkeilen. Das Neujahrsfest findet immer beim ältesten männlichen Familienoberhaupt statt, und meistens leben eben die Kinder in den urbanen Räumen, während die Dörfer von alten Menschen bevölkert sind.

Die Feierlichkeiten und Vorbereitungen beginnen sehr, sehr früh. Meine Familie und ich fahren nach Busan, wo der ältere Bruder meiner Frau wohnt. In der Küche wird schon fleißig gekocht, die rotbraunen Gabenschüsseln werden gewaschen und der Gabentisch wird hergerichtet. Überall tummeln sich Kinder, die die traditionelle Tracht, den Hanbok, tragen und sich wie kleine Prinzessinnen und Prinzen fühlen.

Am Neujahrstag zieht man die traditionelle koreanische Tracht, den Hanbok, an. (Fotos: A. Reisenbichler)

Die knifflige Position der Erdbeere

Die Anordnung der Speisen ist kein einfaches Unterfangen, alles und jedes hat seinen Platz. Hong dong baek seo – Rot im Osten, Weiß im Westen. Im Osten werden die heimischen Früchte aufgestellt, im Westen diejenigen, die zwar heutzutage in Südkorea gang und gäbe sind, aber früher eben nicht heimisch waren. Das ist der Grund, warum die Erdbeere trotz ihrer roten Farbe auf der westlichen Seite des Gabentisches aufgestellt wird.

Süßspeisen werden im Westen aufgestellt, Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte im Osten. Gemüse findet man sehr wenig. Den verschiedenen Speisen kommt auch eine besondere Bedeutung zu. Einige Wochen vor dem Neujahr wird süßer, roter Bohnenbrei mit Reiskuchen gegessen, um böse Geister zu vertreiben. Am ersten Tag des neuen Jahres isst man eine Reiskuchensuppe und längliche Reiskuchenrollen, die für ein hoffentlich langes Leben stehen. Reis mit verschiedenen Getreidesorten symbolisiert Gesundheit, Alkohol gesunde Ohren (da diese rot werden, wenn man zu viel getrunken hat), und Fisch vertreibt Ungeziefer.

Der gedeckte Gabentisch

Das Ritual

Am Ende des Tisches steht die Ahnentafel. Bei Männern steht in chinesischen Schriftzeichen „Da er ein Leben des Lernens hinter sich hat, kommt er mit gereinigtem Geist.” Auf der Ahnentafel für Frauen steht zusätzlich noch der Familienname, da dieser auch nach der Heirat nicht geändert wird. Da diese chinesischen Schriftzeichen heutzutage vielen Leuten nicht mehr geläufig sind, findet man diese Standardtexte auf der letzten Seite des Telefonbuchs zum Nachschlagen. Vor die Ahnentafel werden eine Schale Reis, eine Suppe und eine Schüssel Schnaps für den Verstorbenen gestellt. Die männlichen Familienmitglieder verbeugen sich drei Mal vor dem Gabentisch und der Ahnentafel, die Frauen stehen in der Küche und tratschen; dieser Teil des Fests ist eine reine Männerangelegenheit. Dann beginnt Uembok – happy feasting! Jeder nimmt sich etwas vom Gabentisch, die Stimmung ist wieder gelöster. Das Highlight für die Kinder ist Saebaedon - Verbeugungsgeld. Man verbeugt sich vor den Eltern und den anderen Familienmitgliedern und erhält Geld. „Früher gab es nur Reiskuchen…. Früchte gab es auch keine, es war ja Winter,” erinnert sich meine Schwiegermutter. Danach setzen sich alle in das Speisezimmer und essen und trinken. Alkohol wird kräftig ausgeschenkt. Bier, Makkeoli (6%-iger Reiswein) und Soju (15-20%-iger Schnaps). Die Frauen spielen Hwatu, ein Kartenspiel, die Männer Yutnori, ein Spiel mit Holzstäbchen. Nach dem Essen wollte ich meine Schüssel und Stäbchen in die Küche bringen, doch mein Schwager hielt mich zurück: „Setz dich hin, das ist Frauenarbeit, heute ist doch Seollal, trink lieber noch eine Schale Makkeoli!” Diese Einstellung ist einer der Gründe, warum diese konfuzianistische Ahnenverehrung nicht ganz unumstritten ist. Kritisiert werden vornehmlich von Frauen die patriarchalischen Züge, da dieses Fest viel Arbeit für die Frauen und Vergnügen für die Männer bedeutet. Viele Christen (besonders Protestanten) lehnen die Ahnenverehrung als nichtchristlichen Brauch und Aberglauben ab. Viele junge Leute nutzen heutzutage auch die drei oder vier Feiertage und fliegen nach Thailand oder Vietnam.

 

Daeboreum – das Dorffest

Zwei Wochen nach Seolnal wird der erste Vollmond des neuen Jahres gefeiert. Die Tage vor dem Fest sind den aufwändigen Vorbereitungen gewidmet. Gemeinsam gehen die Dorfbewohner in den Wald und holen Kiefernholz und Bambus für das Mondhaus (Daljib).

Großgemeinde Inwol, Jeollabuk-do

Geistervertreibung (Jisinbalki)

Am Festtag treffen sich die männlichen Dorfbewohner zeitig am Morgen im Gemeindehaus und bereiten sich auf die Geistervertreibung vor. Die Samulnori-Musikgruppe (Sa-mul-nori bedeutet Vier-Instrumenten-Gruppe) zieht ihre bunten traditionellen Kleider an, inspiziert nochmals ihre Instrumente, nimmt einen Frühstücksschnaps mit Kimchi, scharf eingelegtem Gemüse, zu sich – und los geht‘s! Wir folgen der Gruppe im Dorf Baekil in Jeollabuk-do mit der Videokamera.

Beginnend mit dem Bürgermeisterhaus werden in allen Häusern mit lauten Trommeln, Gongs und Tanz die Geister vertrieben. Zwei Leute betreten auch das Haus, kein Geist soll entkommen. Vor dem Haus steckt in einer Schüssel mit ungekochtem Reis eine Kerze, die angezündet wird. Auf einem kleinen Tisch werden der Musikgruppe eine heiße Fisch- oder Fleischsuppe, Früchte und Alkohol serviert. Die Musik ist ohrenbetäubend, die Tänzer tanzen wild um das Haus herum.

Yun Yeo-jeong führt die Musikgruppe an und würzt seine Ansprachen mit deftigen Witzen: „Hier im Haus des ehrwürdigen, bärenstarken Riesen Kim Rae-dong mit dem großen Schwanz sind wir, die stark berauschten Kerle aus dem gefürchteten Baekil-Dorf, zusammengekommen, um die Geister auch dieses Jahr wieder zu vertreiben.” Eine alte Frau steckt ihm lachend gebratene Grillen in den Mund.

Geisteraustreibung (Jisinbalki) im Baekil-Dorf in Jeollabuk-do

Ein kalter Wind peitscht durch die Gassen, es hat auch zu schneien begonnen, und die steif-kalten Finger scheinen an den Trommelgriffen festgefroren zu sein, doch die Musikgruppe hält tapfer bis zum Einbruch der Dämmerung durch. Der letzte Tanz gilt dem Mondhaus, das auf einem Reisfeld errichtet wurde. Einige buddhistische Mönche aus dem nahen Kloster Silsang-sa verbeugen sich vor dem Gabentisch, auf dem ein Schweinekopf und andere Speisen stehen, dann singen sie spirituelle Lieder. Die Dorfbewohner und andere Gäste verneigen sich vor dem Mondhaus und stecken Geldscheine in das Maul des Schweinekopfs.

Namu-hyeong (51) erzählt mir, wie das Fest früher begangen wurde. „Es war viel formeller. Unsere Elterngeneration hat sich immer sehr penibel an die vorgeschriebenen Abläufe gehalten…. Konfuzianismus ist eine sehr trockene Angelegenheit. Heute genießen wir die Formfreiheit, das macht viel mehr Spaß.”

Die buddhistischen Mönche des nahegelegenen Silsang-Klosters singen spirituelle Lieder vor dem Mondhaus.

Das Mondhaus – Daljib

Das pyramidenförmige Mondhaus wird im Inneren mit Strohballen gefüllt. Zwischen die Strohschnüre, die auf Brusthöhe um das Mondhaus gewickelt werden, stecken Jung und Alt kleine Papierbriefchen mit Neujahrswünschen. Mit dem Rauch sollen diese Wünsche in den Himmel gelangen und dort erhört werden. Einige Frauen stecken ihre Unterwäsche in Plastiktüten und lassen sie im Inneren des Mondhauses verschwinden, um so persönliche Probleme zu bannen.

Als der Mond hinter den Bergen aufgeht, wird ein wenig Benzin auf das Holz gegossen, um das Feuer höher auflodern und um das oft am Vortag frisch gefällte Holz besser brennen zu lassen. Der große Moment ist gekommen, die Kinder flitzen noch immer um das Mondhaus herum, einige Erwachsene rufen „Zurück, zurück!”. Der Bürgermeister und andere Personen mit offiziellen Positionen im Dorf zünden das Mondhaus an, das sofort in Flammen aufgeht. Der verbrennende Bambus knackt und kracht, Kinder schreien durcheinander, die Musikgruppe tanzt mit einem gewissen Respektabstand um das brennende Mondhaus, einige Dorfbewohner gesellen sich dazu und tanzen mit. Einige Kinder schwingen kleine Eisenkübel mit Löchern an den Seitenwänden, die mit glühenden Kohlen gefüllt sind, durch die Luft. Am Kübelgriff ist ein 1 Meter langes Seil befestigt, und die Kinder wirbeln die Kübel mit viel Gelächter. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Für das leibliche Wohl ist gesorgt, einige ältere Frauen kochen in riesigen Töpfen Fleischsuppen und verteilen Reiskuchen mit roten Bohnen. Alkoholische Getränke stehen neben den Tischen, an denen die Gäste sitzen. Finanziert wird alles durch die Spenden der Dorfbewohner, Gäste und der Gemeindekasse.

Wandel der Zeit – es war einmal

Südkorea hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte unglaublich schnell entwickelt und modernisiert, auch das Mondhausfest ist davon nicht verschont geblieben. Kim Seok-bing (64) und seine Frau Pak Hyoeng-suk (62) erzählen mir bei einer Schale Makkeoli ihre Kindheitserinnerungen. „Früh am Morgen gingen die Männer und Kinder des Dorfs den Berg hinauf, um Bambus zu schneiden. Das Mondhaus wurde nur aus Bambus gebaut, Holz war zu wertvoll. Die Leute schrieben auch keine Briefe wie heute – Papier gab es damals nicht – sondern steckten die Kleider der diesjährig Verstorbenen hinein, um sie in den Himmel zu geleiten.” Frau Pak Hyeong-suk wirft ein: „Die Zeit zwischen der Neujahrsfeier und dem Vollmondfest (ca. 2 Wochen) war früher eine umtriebige Zeit. Ständig kamen Gäste aus dem Dorf, die die Frauen bewirten mussten, die Männer streckten nur ihre Füße aus... wir Kinder hatten eine tolle Zeit, in jedem Haus bekamen wir Reiskuchen oder andere Leckereien.”

Um Neugeborene vor bösen Geistern zu schützen, wurden bei Buben Strohschnüre mit roten Chilischoten, bei Mädchen Tannennadeln vor dem Haus aufgehängt, doch das sieht man heute nur mehr im Museum, lacht Herr Kim Seok-bing. Beim Mondfest wurden diese Schnüre dann mit dem Mondhaus verbrannt, um die Gesundheit der Kinder sicher zu stellen.

Das Mondhaus wurde damals von Leuten angezündet, die zu Hause einen Kranken pflegten oder familiäre Probleme hatten. Wenn das Mondhaus gegen Osten oder Süden hin umfiel, war das ein gutes Zeichen. In diesen Himmelsrichtungen steht ja die Sonne, Norden und Westen hingegen sind ungünstig. Wenn man dann nach Hause ging, nahm man einen brennenden Bambus aus dem Mondhaus mit. Brannte er zu Hause immer noch, würde man einen Sohn bekommen, andernfalls eine Tochter. Reiche Leute gingen an diesem Tag zu einem Wahrsager. Prophezeite einem dieser für die nahe Zukunft Unglück, errichteten diese Leute zusammen mit einem Schamanen ein kleines Mondhaus auf einem nahegelegenen Berg, um dieses Unglück abzuwenden.

 

Demografische Einflüsse und eine alternative Community

Während es in Sannae in Jeollabuk-do eine alternative Community mit vielen jungen Leuten (zwischen 25 und 50) aus den Städten gibt, denen das Stadtleben zu anstrengend geworden ist, gibt es im Nachbarbezirk Macheon in Gyeongsangnam-do hauptsächlich alte Leute. Die Landflucht, die in den 1970ern eingesetzt hat und noch immer andauert, hat ihre Spuren hinterlassen. In Macheon gibt es deshalb nur in der Großgemeinde ein Mondhaus für die ungefähr 15 umliegenden kleinen Dörfer (pro Dorf ungefähr 150 Einwohner, in einigen Dörfern wohnen aber manchmal auch nur 50 Menschen). Den alten Leuten ist die Arbeit zu anstrengend. In Macheon gibt es auch in vielen Dörfern keine Geistervertreibung mehr. Das Mondhausfest ähnelt mehr einer großen Party ohne traditionelle Dekoration.

In Sannae haben sehr viele Leute der ,Zurück-aufs-Land-Bewegung‘ Interesse an der Wiederbelebung der traditionellen koreanischen Kultur, deshalb gibt es in fast jedem Dorf ein eigenes Mondhaus. Neue gesetzliche Regelungen könnten das aber bald verbieten, weil es in Zukunft pro Großgemeinde nur ein Mondhaus geben soll.

Die Unterschiede sind einerseits also zwischen den verschiedenen Generationen zu verorten, andererseits spielen Zurück-aufs-Land-Bewegungen eine gewichtige Rolle bei der Revitalisierung alter Traditionen. Der Stadt-Land-Unterschied ist auch beträchtlich. Viele junge Stadtbewohner haben noch nie ein Mondhaus gesehen und kennen oft nicht einmal den Begriff Geistervertreibung (Jisinbalki). Anfangs dachte ich, es würde an meiner Aussprache liegen, doch dem war nicht so. In den Städten finden an diesem Tag keinerlei Veranstaltungen statt, deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die junge Generation zu vielen Traditionen den Kontakt verloren hat.


Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Der aus Österreich stammende Ethnologe Alexander Reisenbichler (*1977) lebt und forscht seit 15 Jahren in Südkorea und Indien. Derzeit schreibt er seine Dissertation über indische Christen im Bundesstaat Goa und arbeitet an einem Reisebericht über Südkorea und das Leben in einer südkoreanischen Community. Mit seiner koreanischen Frau und seinen beiden Töchtern hat er sein Basecamp in einem kleinen Dorf in den Jiri-Bergen in Südkorea aufgeschlagen.

Alexander Reisenbichler ist unter anderem Autor von ,,Die vielen Gesichter der dokkaebi: Auf den Spuren eines koreanischen Phänomens", erschienen 2014 im OSTASIEN Verlag, Reihe Phönixfeder (http://www.reihe-phoenixfeder.de/rpf/024.html).  

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