Magazin Kultur Korea

Die katholische Kirche in Korea

Spannende Geschichte und aktuelle Situation

Benediktiner-Abtei Waegwan (Fotos: privat)

Von Prof. Dr. Dr. Hans Steinhart

 

Eine Besonderheit der koreanischen katholischen Kirche ist, dass sie im 18. Jahrhundert aus dem Engagement von Laien entstanden ist, also bevor europäische Missionare das Land erreichten. Konfuzianisch gebildete Laien entdeckten in China Schriften des Jesuiten Matteo Ricci, brachten dessen Ideen nach Korea, ließen sich taufen, tauften Landsleute und begründeten die koreanisch-katholische Kirche ohne jeden Priester. Korea ist damit das einzige Land auf der Welt, wo „die Herde den Hirten vorausgegangen ist“.

Lassen Sie uns nun etwas tiefer eintauchen in die Geschichte der katholischen Kirche in Korea. Bereits gegen Mitte des 16. Jh. erreichte das Christentum China und Japan. In den Jahren 1592 bis 1598 tobte der japanische Invasionskrieg in Korea. Ziel der Japaner war die Eroberung Chinas. Der kürzeste Weg dorthin führte über Korea. In den Truppen der Japaner befanden sich katholische Offiziere und Soldaten. Während dieses Krieges machten die Koreaner die erste negative Bekanntschaft mit dem Christentum in Form des Katholizismus. Mit den japanischen Truppen kam als erster westlicher Geistlicher der spanische Jesuit Gregorio de Cespedes nach Korea, er betreute die japanischen Truppen. Es gibt Berichte, dass koreanische Kriegsgefangene zum katholischen Glauben übertraten und in Japan und Korea sogar den Märtyrertod erlitten. 

Ab Mitte des 17. Jh. entwickelten sich enge Kontakte zwischen konfuzianisch geprägten koreanischen Gelehrten und Christen Chinas. Daher war der Katholizismus besonders unter den Gelehrten Koreas hoch angesehen, brachte er doch neue Wissenschaftszweige nach Korea, die sogenannte „Seohak“, das bedeutet „Westlehre“. Es entstand die Bewegung „Shilhak“,  das heißt so viel wie Realwissenschaft. Dieses neue Gedankengut unterschied sich fundamental von der damals vorherrschenden konfuzianischen Lehre. Dieser grundlegende Unterschied war nahezu 150 Jahre lang die Ursache für grausamste Christenverfolgungen während der Regierungszeit der Joseon Dynastie. Diese Dynastie befürchtete, dass die neue Religion die Grundlage des Regierungssystems, den Konfuzianismus, gefährden und verdrängen könnte.

Als offizielles Gründungsjahr der katholischen Kirche in Korea gilt das Jahr 1784. Was ereignete sich also 1784? Der junge konfuzianische Gelehrte Lee Seung-Hun begleitete im Jahr 1783 seinen Vater Lee Dong-Uk, der als Mitglied einer koreanischen Delegation nach China reiste.  Er besuchte den französischen Jesuiten Jean-Joseph de Grammont in Bukdang. Dieser Geistliche war ein guter Mathematiker. Lee Seung-Hun erbat sich von ihm die Taufe und Unterricht in Mathematik. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Korea 1784 predigte er das Evangelium, er gilt somit als Gründer der katholischen Kirche in Korea. Daher feierten die koreanischen Katholiken in Anwesenheit von Papst Johannes Paul II. 1984 den 200. Jahrestag des Katholizismus in Korea. Da Lee Seung-Hun kein Priester war, aber die Koreaner gerne die Sakramente empfangen wollten, wurden 1786 zehn Laien als Priester ausgewählt, es entstand das sogenannte „Pseudopriestertum“. Die koreanischen Katholiken waren allerdings mit dieser Lösung nicht glücklich, sie entsandten daher eine Delegation zum nächsten Bischof in der Region, der in Peking residierte. Dieser sagte zu, einen Seelsorger nach Korea zu schicken, aber erst 1794 betrat der erste Geistliche in Gestalt des Chinesen Zhu Wen-Mo koreanischen Boden.  Im Jahr 1792 wurde die koreanische Kirche unter die persönliche Führung des Bischofs von Peking gestellt. Allerdings wurden die Christen in dieser Zeit von der Joseon-Dynastie unbarmherzig verfolgt, und auch Pfarrer Zhu Wen-Mo fiel der Christenverfolgung nach sechs Jahren aufopferungsvoller Tätigkeit zum Opfer. Dominierende Staatsphilosophie war während dieser Zeit der Konfuzianismus. Es folgte während der Christenverfolgung eine lange Durststrecke für die wenigen Katholiken im Land. 

Der Pekinger Bischof sah sich nicht in der Lage, einen weiteren Seelsorger nach Korea zu entsenden. Daher wandten sich die Katholiken direkt an Papst Gregor XVI, der entschied, dass in Korea 1831 ein apostolisches Vikariat gegründet werden sollte. Die koreanische Kirche wurde damit von der Diözese Peking unabhängig. Der erste Bischof in Korea war Barthélemy Bruguière,  ein Missionar der Pariser Missionsgesellschaft aus Macau. Dieser starb jedoch auf der langen Reise und konnte koreanischen Boden nie betreten. Der zweite Bischof der Diözese Korea wurde Laurent Imbert, ebenfalls ein Missionar der Pariser Missionsgesellschaft. Als vordringliche Aufgabe sah Bischof Laurent Imbert die Ausbildung von Priestern. Wegen der Christenverfolgungen gelang das aber nicht in Korea, sondern die Priesteranwärter wurden nach Macau geschickt. Als die Christenverfolgung nachließ, gründeten die Pariser Missionare 1855 in Baeron das erste koreanische Priesterseminar. 

Im 19. Jh. wurden die Christen oft gnadenlos verfolgt. So fielen im Jahr 1839 drei Missionare und koreanische Kirchenführer sowie einige hundert Männer und Frauen der Verfolgung zum Opfer. Besonders wichtig ist das Jahr 1846, als der erste koreanische Priester, Pfarrer Kim Andreas Daegon, der Verfolgung zum Opfer fiel. Im Jahr 1925 wurden 79 Märtyrer dieser Zeit in Rom selig gesprochen. Die grausamste Verfolgung fand während der Regentschaft des Prinzen Daewongun zwischen 1866 und 1873 statt. Von ihr waren  neun von zwölf Missionaren, darunter zwei Bischöfe, sieben Pfarrer sowie viele Christen betroffen. In dieser Zeit betrug die Zahl der Christen nur etwa 20.000 Menschen. Pfarrer Felix Ridel, er gehörte der „Missions Etrangères de Paris“ an, überlebte wie durch ein Wunder die Verfolgung. Er flüchtete nach China und erstattete dem Befehlshaber der dort stationierten französischen Marine, Admiral Pierre-Gustave Roze, einen ausführlichen Bericht. Dieser schickte zur Vergeltung der Christenverfolgung seine Flotte und seine Armee nach Korea. Der Angriff wurde jedoch von den einheimischen Truppen zurückgeschlagen. Er löste in ganz Korea eine weitere schreckliche Hinrichtungswelle von Katholiken aus. Daran erinnert die Jeoldusan Märtyrer-Gedenkstätte in Seoul. Diese Gedenkstätte ist einer der wichtigsten historischen Orte der koreanischen Katholiken, denn sie erinnert an die Massaker des Prinzen Daewongun. Hunderte Christen wurden dort massakriert und den Berg hinunter in den Han-Fluss geworfen.

Ein entscheidendes Jahr für die Entwicklung und Etablierung des Christentums in Korea war 1882 das Abkommen über Missionsfreiheit. Korea öffnete sich den westlichen Mächten und ratifizierte Abkommen mit den USA, Großbritannien und Deutschland, in denen die Glaubensfreiheit festgeschrieben wurde. Das Christentum nahm einen großen Aufschwung. Im Jahr 1899 wurde die spätgotische Kathedrale in Myeongdong in Seoul samt Kirchenverwaltung errichtet. Überall im Land entstanden Kirchen, und es wurden Gemeinden gegründet. Bereits 1887 wurde das Priesterseminar Yongsan in Seoul gegründet. Das erste Frauenkloster wurde 1888 von den Schwestern von St. Paul de Chartres etabliert, die ein Waisenhaus und ein Altersheim errichteten. Im Jahre 1909 begann dann die segensreiche Tätigkeit der benediktinischen Missionare von St. Ottilien. Die Mönche richteten eine pädagogische Hochschule zur Ausbildung von Lehrern und die Sunggong-Berufsschule ein. Allerdings wurden die Aktivitäten der Benediktiner aus St. Ottilien nach der Annexion Koreas durch Japan jäh unterbrochen. In den zwanziger Jahren kamen Benediktinerinnen aus Tutzing nach Korea und leisteten zusammen mit Schwestern des Mary-Knoll Ordens aus Amerika in Schulen, Gemeindeverwaltungen und im Gesundheitswesen aufopferungsvolle Dienste.

Kapelle der internationalen katholischen Kirche in Seoul

Obwohl die Katholiken in Korea sich nicht als politische Kraft verstanden, bildeten sich Widerstandsgruppen gegen die japanischen Besatzer, die Korea von 1910 bis 1945 in eine japanische Provinz verwandelten. So beteiligten sich viele Christen 1919 trotz der Ermahnung seitens der Kirche in den Städten Seoul und Daegu am gewaltlosen Volksaufstand gegen die japanischen Besatzer. Die japanische Herrschaft in Korea wurde immer brutaler, und sie erreichte einen Höhepunkt durch die sogenannte Japanisierung Koreas. Im Jahre 1915 wurde der Religionsunterricht verboten. Im Jahre 1920 erzwangen die Japaner die Teilnahme am Shinto-Ritus. Katholiken, die sich weigerten, wurden gefoltert, einige starben. Während des 2. Weltkriegs, der Korea 1941 erreichte, wurden 35 amerikanische und 32 irische Missionare inhaftiert und dann abgeschoben. Die Japaner besetzten Bischofsstühle mit Japanern und schlossen 1942 die Priesterseminare in Seoul und in Daegu. Kirchen wurden für militärische Aktivitäten missbraucht, Beichtgeheimnisse wurden erpresst usw.

Die Unabhängigkeit Koreas 1945 nach der Niederlage Japans im 2. Weltkrieg brachte völlige Religionsfreiheit. Es wurden katholische Schulen, Priesterseminare und Universitäten gegründet. Im Herrschaftsgebiet der Kommunisten wurden allerdings die Religionen brutal bekämpft.  Die von Benediktinern aus St. Ottilien gegründete und geleitete Abtei in Tokwon wurde von Kommunisten nach Abzug der sowjetischen Truppen Ende 1948 überfallen und der deutsche Bischof Bonifatius Sauer inhaftiert, er starb 1950. Auch die Benediktinerinnen des Priorats Wonsan wurden verhaftet. Die Ordensleute wurden in Gefängnisse und Arbeitslager gesteckt. Zwischen 1949 und 1952 starben 36 von ihnen in den Lagern. Am 10. Mai 2007 wurde die Seligsprechung dieser Märtyrer eingeleitet. Die überlebenden Missionsbenediktiner sammelten sich im Juni 1952 im südkoreanischen Waegwan und begannen ganz von vorn. Diese Kommunität erhielt 1956 den Status eines einfachen Priorates und 1964 den Status einer selbständigen Abtei. Zurück zu den Christenverfolgungen im Norden. Bischof Hong aus Pjöngjang, der sich mutig den Verfolgern entgegenstellte, wurde ebenfalls verhaftet und alle katholischen Priester entweder zu Zwangsarbeit verurteilt oder getötet.  

Im Jahr 1950 brach eine der größten Tragödien der koreanischen Geschichte aus,  der Koreakrieg, der bis 1953 dauerte. Städte und Landschaften wurden in diesem blutigen Krieg zerstört, und Korea war nach diesem Krieg eines der ärmsten Länder der Welt. Im Süden der Halbinsel herrschte weiterhin Religionsfreiheit, während die Glaubensfreiheit im Norden weiterhin brutal unterdrückt wurde. Viele Christen verloren ihr Leben, die Überlebenden flohen in den Süden. Nach Ende des Koreakrieges erlebte das Christentum in Südkorea einen enormen Aufschwung. Insbesondere durch den amerikanischen Einfluss stieg die Zahl der Christen verschiedener Konfessionen auf ca. 30 % der Bevölkerung. Die katholischen Verwaltungseinheiten, die bisher apostolische Vikariate waren, wurden Bistümer und die Diözesen Seoul, Daegu und Guangzhu wurden zu Erzbistümern höhergestuft. Erzbischof Stephan Kardinal Kim Sou-hwan war der erste Kardinal in der koreanischen Kirche. Papst Johannes Paul II. besuchte 1984 Korea und sprach bei diesem Besuch 103 der seligen Märtyrer heilig. Ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte des Katholizismus in Korea war der 44. Eucharistische Weltkongress 1989 in Seoul und der Besuch von Papst Franziskus im Jahr 2014. Die katholische Kirche in Korea hat kein Nachwuchsproblem.

Es gibt allerdings auch Schwachpunkte im Erscheinungsbild der katholischen Kirche Südkoreas. Kritische Stimmen aus der koreanischen Kirche bemängeln, dass das quantitative Wachstum der vergangenen Jahre oft auf Kosten der Qualität des kirchlichen Lebens gegangen sei. Die Betreuung und Führung der neu gewonnenen Christen lasse oft zu wünschen übrig. Generell werde zu viel Wert auf die Einhaltung kirchlicher Gebote und auf die Abhängigkeit der Laien vom Klerus gelegt. Auf theologischem Gebiet hat sich in Südkorea in den letzten Jahren wenig getan. Die theologische Ausbildung in den Priesterseminaren, die zwar alle den Status einer Universität haben, aber manchmal nur ein bescheidenes akademisches Niveau erreichen, folgt den von der römischen Zentrale vorgegebenen Richtlinien.  Man hört, dass insbesondere die evangelischen Kirchen, die nach dem Koreakrieg hauptsächlich aus den USA ins Land kamen, gegenüber dem Buddhismus intolerant seien. Einer der Streitpunkte ist dabei die unterschiedliche Sichtweise der Ahnenverehrung. Meinen persönlichen Erfahrungen als Katholik entspricht diese Einschätzung nicht. Ich war des Öfteren Gast in buddhistischen Klöstern und wurde immer sehr zuvorkommend behandelt.

Die Zahl der Christen in Südkorea beträgt derzeit ca. 15 Millionen, darunter 5,7 Millionen Katholiken. Es gibt drei Erzbistümer und elf Bistümer in Südkorea und nominell drei Bistümer in Nordkorea. Die Zahl der Priester einschließlich der Ordensgeistlichen beträgt ca. 4.600. Damit betreut ein Priester rechnerisch 1.200 Gläubige. Insgesamt gibt es ca. 1.476 Pfarreien und 1089 Missionsstationen. Es gibt 30 Männer- und 60 Frauenklöster mit insgesamt ca. 11.650 Mitgliedern. Die katholische Kirche unterhält 30 Krankenhäuser, 24 Altersheime, 9 Universitäten, 64 Mittel- und Oberschulen. In den 7 Priesterseminaren studieren ca. 1.500 Studenten.

Es gibt keine zuverlässigen Angaben über die Lage der katholischen Kirche in Nordkorea. Aber nach dem Ende des Koreakrieges 1953 verschwanden alle kirchlichen Strukturen, und jedwede Religionsausübung wurde hart bestraft. Derzeit gibt es in Pjöngjang zwar wieder drei Kirchen, zwei protestantische und eine katholische, allerdings sind diese nur für ausländische Besucher bestimmt. Die katholische Changchung-Kirche wurde 1988 gebaut, jedoch gibt es in Nordkorea keinen einzigen katholischen Priester. Neuerdings gibt es eine staatsnahe Vereinigung nordkoreanischer Katholiken  mit zwischen 800 und 3.000 Mitgliedern, die angeblich alle vor dem Koreakrieg 1950 getauft wurden. In Nordkorea gibt es nominell die Bistümer Pyong-yang und Hamhung, diese werden nominell vom Erzbischof von Seoul verwaltet.  Daneben gibt es noch die Territorial-Abtei Tokwon, dessen Administrator ist der Abt von Waegwan.


Prof. Dr. Dr. Hans Steinhart

Prof. Dr. rer. nat. Dr. agr. habil. Hans Steinhart, geboren 1940, Studium der Landwirtschaft an der TU München und der Biochemie an der ETH Zürich, Promotion in Chemie, Habilitation in Ernährungsphysiologie. Professor an der Universität Kassel, der TU München, der Universität Hamburg (Direktor des Instituts für Biochemie und Lebensmittelchemie). Vizepräsident des ,,Korean German Institute of Technology KGIT" in Seoul. Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. 

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