Magazin Kultur Korea

Eine zentrifugale Inselumwanderung

Reisen in der koreanischen Vergangenheit und Gegenwart

Hafen mit Fischerbooten (Fotos: A. Reisenbichler)

Von Alexander Reisenbichler

Südkorea ist in Europa (noch nicht) als Reiseland bekannt, noch weniger sind es die unzähligen koreanischen Reiseberichte. Von religiös motivierten Pilgerreisen im 8. Jahrhundert (buddhistischer Mönch Hyecho) nach Indien über diplomatische Missionen nach China in der Joseon-Dynastie (1392-1910) bis zu Frauen, die sich als Männer verkleiden wie Kim Geum-won im 19. Jhdt., um reisen zu können. Im breitgefächerten Genre der Reiseberichte reicht das späte koreanische Mittelalter der Moderne seine schriftstellerische Hand. Die weit im Süden gelegenen Inseln und der gebirgige Norden an der Grenze zu China waren beliebte Exile für missliebige oder abtrünnige Staatsbeamte, Gelehrte und Christen. Diese Form der Bestrafung war laut dem Rechtskodex der Ming-Dynastie (1368-1644), der auch in Korea verwendet wurde, nach der Todesstrafe die zweithöchste Form der Strafe. Während die Exile der Joseon-Dynastie mit heutigen Touristenorten identisch sind (u.a. die Inseln Heuksan, Jeju, Geojae, Jindo oder Namhae), waren die Exilanten alles andere als begeistert, waren sie doch vom Leben am Hofe und in der Großstadt in die Einsamkeit und Monotonie des Insellebens verbannt worden. Einige Exilanten betätigten sich als konfuzianistische Lehrer und wurden so ungewollt zu konfuzianistischen Missionaren. Andere wie Jeong Yak-yong (1762-1836) schrieben eine Enzyklopädie über den Fischfang, lokale Bezeichnungen und die medizinische Verwendung von Meeresprodukten in der Region um die Insel Heuksan. 

Auslandsreisen waren den Südkoreanern erst ab dem 1. Januar 1989 erlaubt. Davor mussten sie über 30 Jahre alt sein und einen bestimmten Grund wie z.B. eine Ausbildung oder Geschäftsreise haben. Man musste damals, wie mir Reisende der ersten Generation erzählten, einen eintägigen Anti-Kommunismus-Kurs (Ban-ging-gyo-yuk) ablegen. Dieser wurde erst 1992 wieder abgeschafft. „Wir warteten damals nur darauf, endlich ins Ausland reisen zu dürfen,” erinnert sich Frau Pak Kyong-suk, die 15 Jahre lang in Indien lebte und heute das indische Epos „Mahabharata“ aus dem Sanskrit ins Koreanische übersetzt. Der erste Reise-Bestseller wurde von der 1958 geborenen Han Bi-ya geschrieben, die noch immer für viele eine Inspiration darstellt. Reisen stellt für einige SüdkoreanerInnen einen Initiationsritus dar, der sich in unzähligen Reiseberichten niederschlägt. Selbst 18-jährige haben ihre Reiseerlebnisse in verschiedene Gegenden der Welt zwischen Buchdeckel gepresst.

In einer einsamen Taverne unter einer Föhre liegend

Sind mir die Welt und mein Heim vergessen

Auf hohen Gipfeln stehend segeln Wolken unter meinen Füßen hinweg

Kim Sakkat (1807-1863). Ein koreanischer Wanderpoet, der sich mit vorgetragenen Gedichten Unterkunft und Essen verdiente, und Korea vom Norden bis Süden zu Fuß mit einem Strohhut und einem Wanderstock durchquerte. (übersetzt von A. Reisenbichler) 

Fleißige Touristen sammeln Meeresfrüchte am Strand

Mit einem Campingkocher, Topf und Deckel, hölzernen Stäbchen, Ramyeon (scharfen Fertignudeln), zwei Laib selbstgebackenem Brot, einer Flasche Rotwein, Schlafsack, meinem Tagebuch, zwei Büchern und einer Kamera ausgerüstet, fahre ich mit dem Bus nach Nokdong, einer kleinen Stadt auf der Halbinsel Goheung in der Provinz Jeollanamdo. Mein Ziel ist die Insel Geogeum, die ich zu Fuß umrunden möchte. Um auf die Insel Geogeum zu gelangen, muss man eine lange Brücke bis zur Insel Sorok überqueren, von dort führt eine noch längere Brücke nach Gogeum. Auf dem Weg sehe ich ein großes Schild, ein Fisch springt aus dem Wasser, dahinter das blaue Meer. Romantische Reisegefühle machen sich breit, bis ich den Titel lese: „Hmm, den würde ich gerne essen.” Offensichtlich eine Werbung für Fischer.

Die Insel der Aussätzigen

Das erste Schild auf der Insel Sorok klingt nicht sehr einladend. „Verlassen Sie nicht die Straße und bleiben Sie hinter der Absperrung! Auf dieser Insel befindet sich ein Leprazentrum.” Eine, wie sich später herausstellt, Krankenschwester, die hier arbeitet, bleibt mit ihrem Auto stehen und lädt mich nach einem kurzen Gespräch zu einer Rundfahrt durch das Gelände ein, das anderen verschlossen bleibt. Frei zugänglich ist nur das Museum.

Auf der Fahrt über das Areal begegnen wir verschiedenen Menschen. Eine ältere Dame mit Handschuhen, wie die meisten Patienten sie hier tragen, schaut kurz zu uns herüber, ein alter Mann in einem elektrisch betriebenen Rollstuhl beäugt uns neugierig. Gerne würde ich mit ihnen reden, doch das ist mir nicht erlaubt. 

Das Krankenhaus wurde 1910 von protestantischen Missionaren gegründet und dann in eine Leprakolonie umgewandelt. Zwei österreichische Ordensfrauen, Schwester Margit und Marianne, die dort ab 1962 mehr als 40 Jahre gearbeitet haben, wurden letztes Jahr mit dem Manhae-Preis ausgezeichnet. 

Auf der Insel befinden sich neun Dörfer, in denen ungefähr 600 Leprapatienten leben, ein großes Krankenhaus, ein Gefängnis (derzeit leer), ein rundes Gebäude, das an eine buddhistische Stupa erinnert und in der die Toten verbrannt werden, eine katholische und protestantische Kirche und viele leerstehende Gebäude. „Während der japanischen Besetzung (1910-1945) und auch danach wurden die Leprakranken zu Arbeitsdiensten gezwungen,” erzählt mir Frau Ha Seon-jin, die Krankenschwester. Die kleinen Barracken, in denen die Patienten damals hausten, sind teilweise noch erhalten. 

Ein Dorf auf der Insel Geogeum

Die Insel Geogeum

Am nächsten Tag besorge ich mir im Gemeindehaus eine Karte. Daeheung, so der Name des administrativen Zentrums, ist überschaubar: eine Post, eine Bank, ein Supermarkt, einige kleine Geschäfte und kleine Motels sind auf der Hauptstraße aufgefädelt. Ich frage zwei ältere Männer, ob diese Straße nach Süden führt. Verdutzt schauen sie mich an. Dann fragt einer der beiden: „Meinst du Süden wie Norden, Osten, Westen?” Als ich nicke, löst sich ihre Anspannung, und sie erklären mir den Weg.

Die Insel ist sehr hügelig, die höchste Erhebung, der Cheokdaebong, ist 592 m hoch. Eine Straße führt in den malerischen Süden der Insel, Palmen reiben sich an Nadelbäumen. Schon der bekannte Poet Yun Seon-do (Künstlername Gosan), der hier zwischen 1617 und 1623 sein Exil genießen durfte, schrieb ein Gedicht über die Schönheiten der Insel, das er ,,Geo-geum-pal-kyeong" (,Die 8 Schönheiten von Geogeum‘) nannte.

Von einer kleinen Anhöhe ist das offene Meer sichtbar, kleine Schiffskutter ziehen riesige Container mit Seegras (Miyeok) in kleine Häfen, die dort auf große Lastwagen verladen werden. Es ist Erntezeit. Am Strand halten zwei kleine Holzboote ein Schläfchen, ein paar koreanische Touristen sammeln Meeresfrüchte am Strand. 

Das in Stein gemeißelte Gedicht von Herrn Lee Ui-min

Wenn man mit KoreanerInnen reist, ist man immer wieder über deren Interesse an Geschichte und Kultur verblüfft. Hier werden historische Fakten aus 2000 Jahren scheinbar mühelos aus dem Ärmel gezaubert. In der Zwischenzeit habe ich mir auch angewöhnt, viele dieser Hinweisschilder zu lesen. Hier z.B. schlug ein gewisser Baksik dem König Sejo im Jahre 1466 vor, Pferde für militärische Zwecke zu züchten.

Unter blühenden Kirschbäumen und dem Gezwitscher der Vögel mache ich am Nachmittag auf einer kleinen Anhöhe Rast. An einem kleinen Holzpavillon genehmige ich mir einen Becher Wein und eine Scheibe Brot. In einen großen Stein ist ein Gedicht eingemeißelt. Das von einem gewissen Lee Ui-min verfasste Gedicht mit dem Titel „Gedanken eines Bauern” handelt von den Mühen des Bauernlebens. Es wird nicht den Literaturnobelpreis gewinnen, aber ich finde die Idee, Gedichte in der Landschaft zu verewigen, toll. In Südkorea finden sich viele Holzpavillons mit eingerahmten Gedichten, die meisten in klassischem Chinesisch.

Die Küche von Jeollado ist berühmt für ihre reichhaltigen Beilagen. Wenn man eine Beilage aufgegessen hat, kann man diese gratis nachbestellen.

Am frühen Abend komme ich in ein kleines, hübsches Dorf. Ein traditionelles Hanok-Haus mit Schindeldach und dem Schild ,Minbak” (preisgünstige Homestay-Gästehäuser) hat es mir angetan. Man kann aber auch in einem der vielen Pensionen nächtigen, die zumeist außerhalb der Dörfer die Schwärme südkoreanischer Touristen aufsaugen. Eine ältere Frau öffnet und meint, sie sei noch nicht auf Touristen vorbereitet, die Saison habe noch gar nicht so richtig begonnen. Außerdem könne sie mir kein Abendessen anbieten (normalerweise bekommt ist in solchen Homestay-Gästehäusern für umgerechnet vier bis fünf Euro eine üppige koreanische Hausmannskost) erhältlich. Doch als mich das nicht abschreckte, zeigte sie mir das Zimmer, das an ihr Wohnzimmer angeschlossen war. Als ich mir später meine Ramyeon-Fertignudelsuppe kochen wollte, rief sie mich in ihr Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen eine Flasche Makkeolli (fermentierter 6%-iger Reiswein), Kimchi, Süßkartoffeln, eine Schale Reis und ein marinierter Fisch. Viele Male entschuldigte sie sich, mir nicht mehr anbieten zu können, aber ich müsse dafür nicht bezahlen. Sie leistete mir beim Essen Gesellschaft und war sehr gesprächig. Sie erzählte mir über die Landflucht, dass es früher hier 13 Schulen gegeben habe, heute aber nur mehr eine Volksschule und eine Mittelschule (bis zur 9. Schulstufe). Die nächste Geschichte handelte von Dokkaebi, gehörnten haarigen Wesen, die jeder in Südkorea kennt. Ihr Nachbar sei vor Jahren von einem Dokkaebi entführt worden. Am nächsten Tag haben sie ihn unter einem Haufen Süßkartoffelstängel gefunden. Meine nette Gastgeberin Frau Lee Mi-ja hatte auch einen Gedichtband veröffentlicht, nichts Ungewöhnliches in diesem Land, ohne gilt man fast als Analphabet. 

Am dritten Tag überschritt ich einen kleinen Pass, der mich wieder auf die Nordseite der Insel brachte. Vor mir breitete sich ein langes Watt aus, auf der anderen Seite wird die Stadt Nokdong sichtbar. An kleinen Dörfern vorbei marschiere ich bis zur Mittagszeit. An einer kleinen Bushaltestelle koche ich mir eine Fertignudelsuppe. Nicht so romantisch, aber windgeschützt. Eine Karte zeigt die Insel und auch einen Teil des Festlandes. Neben der Bank steht ein alter, abgenutzter Kinderwagen mit einigen ausgetriebenen Kartoffeln im Halterungsnetz. Diese Seniorenfahrzeuge dienen alten Leuten als Stütze cum Einkaufswagen.

Fischmarkt in Nokdong

Nokdong – eine Stadt mit Charme

Am Nachmittag komme ich in der Stadt Nokdong an. Ich schlendere den Markt entlang, auf dem viele alte Frauen Seegras, selbstgepflückte Kräuter und Meeresfrüchte aller Art verkaufen. Die Stadt ist noch nicht so modernisiert und strahlt einen gewissen Charme aus. Hausfrauen unterhalten sich schreiend über die Gassen; auf den hinteren Terrassen der Häuser, die auf einen überwachsenen Bach blicken, flattert Wäsche im Wind. Ein alter Mann mit einer Zigarette im Mundwinkel folgt mir mit seinem Blick. 

Ich würde gern die lokale Spezialität Maesengi kosten, eine Art Seegrassuppe, die oft mit Austern oder Reiskuchen serviert wird, doch die Saison ist schon zu Ende. „Das gibt es nur im Winter, bis zum Neujahr. Aber wir haben ganz frisches Miyeok (eine andere Seegrassorte, die mit einer scharfen Chilisauce gegessen wird). Wir exportieren das Miyeok sogar nach Japan,” erzählt mir der Restaurantbesitzer stolz. Japan ist dafür bekannt, nur qualitativ hochwertige Produkte zu importieren, deswegen hat er Japan extra erwähnt.

Am Abend gehe ich in einen Jjimjilbang, ein 24 Stunden geöffnetes Badehaus mit Sauna, Duschen, Whirlpools und Schlafsälen. Es ist eine billige Übernachtungsmöglichkeit (zwischen 6 und 10 Euro), und man kann sich in den warmen Whirlpools toll entspannen. 

Damit geht meine Reise zu Ende. Südkorea ist ein tolles, aber weitgehend noch unerforschtes Reiseland. Die Menschen sind sehr freundlich, und es gibt viel zu entdecken: von exotischen kulinarischen Gerichten über buddhistische, christliche und schamanistische Kultur bis hin zu tollen Inselwelten. Insgesamt gibt es mehr als 3000 Inseln mit einer Gesamtfläche von knapp 4000 km². Bewohnbar sind nur knapp 500, die jedoch 95% der Gesamtfläche aller Inseln ausmachen. 80% der bewohnten Inseln befinden sich im Südwesten des Landes, in Jeollado. 


Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Der aus Österreich stammende Ethnologe Alexander Reisenbichler (*1977) lebt und forscht seit 15 Jahren in Südkorea und Indien. Derzeit schreibt er seine Dissertation über indische Christen im Bundesstaat Goa und arbeitet an einem Reisebericht über Südkorea und das Leben in einer südkoreanischen Community. Mit seiner koreanischen Frau und seinen beiden Töchtern hat er sein Basecamp in einem kleinen Dorf in den Jiri-Bergen in Südkorea aufgeschlagen.

Alexander Reisenbichler ist unter anderem Autor von ,,Die vielen Gesichter der dokkaebi: Auf den Spuren eines koreanischen Phänomens", erschienen 2014 im OSTASIEN Verlag, Reihe Phönixfeder (http://www.reihe-phoenixfeder.de/rpf/024.html).  

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