Magazin Kultur Korea

Heimat und Fremde in meiner Musik

Interview mit der Komponistin Younghi Pagh-Paan

Die Komponistin Younghi Pagh-Paan (© Sichan Park)

Im Alter von zwölf Jahren haben Sie Ihr erstes Stück komponiert. Worin begründete sich Ihre frühe Begeisterung für die Schaffung musikalischer Kunstwerke, und was bedeutet Komposition für Sie heute?

Sowohl als Zwölfjährige als auch Siebzigjährige begründet sich meine Begeisterung für die Komposition in demselben Motiv. Als Kind schrieb ich kurze Stücke, Lieder oder Klaviersoli, und dabei dachte ich immer an meinen verstorbenen Vater und widmete ihm diese frühen Stücke. Er war mein einziger, imaginärer Zuhörer. Als erwachsene Frau, als Komponistin, verarbeite ich in Abhängigkeit von der Partitur mit der Musik bestimmte Themen - für unbestimmte Zuhörer, die ich erreichen möchte. Inzwischen habe ich mehr als 70 Stücke, von solo bis Kammermusiktheater komponiert. Fragen zu stellen ist für mich ebenso ein Aspekt des Komponierens wie musikalische Antworten zu geben.

Wenn zwischen Komponistin und Zuhörer eine Kommunikation stattfindet, bin ich eine glückliche, komponierende Frau!

 

Nach Ihrem Studium an der Seoul National University in Korea sind Sie 1974 für ein Studium an der Musikhochschule Freiburg i.Br. nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie den Ortswechsel von Korea nach Deutschland seinerzeit erlebt?

Was ich 1974/75 in Freiburg erlebte, war sehr wichtig, um als Komponistin zu erwachen. Ich litt an Verkrampfung, an Atemnot: es war ein totaler „Kulturschock“. Die folgenden grundsätzlichen und existenziellen Fragen tauchten allmählich auf und bewegten mich:

Wer bin ich? Was ist meine Identität? Was ist eigentlich das EIGENE?

Klaus Huber, der ein großartiger Kompositionslehrer war und sich stark für die Studierenden einsetzte, war sehr froh, dass ich überhaupt zu komponieren begann.

Ich konzipierte als Erstes ein Stück für Flöte solo, in dem ich meine Atemprobleme thematisierte. Und in Man-Nam stellte ich meine damaligen Probleme dar, um den Kulturschock zu überwinden. Ich durfte nicht aufgeben. So arbeitete ich mit großer Disziplin an mir und an meinem Stück, um Lösungen zu finden. In dieser Zeit komponierte ich Dreisam-Nore für Flöte solo und Man-Nam(Begegnung) für Klarinette und Streichtrio. 

 

Wodurch sind Sie erstmals mit westlicher Musik in Berührung gekommen? Inwiefern ist Ihr Schaffen von westlicher Musik beeinflusst? Wie würden Sie die Wesensart Ihrer Musik beschreiben?

 Ich wurde in der Provinzhauptstadt Cheongju geboren, und es gab damals keine Orchester oder Konzerte dort. Westliche Orchestermusik habe ich erstmals im Radio gehört. Das war meine größte Freude und eine wichtige Beschäftigung - wie eine

Musikschule. Nach einiger Zeit begann ich, die Musik vom Radio zu notieren. Das war sicher eine Fantasie-Notation, aber es unterstützte mein analytisches Hören sehr. Die Programme der Musiksendungen wurden wiederholt. Koreanische traditionelle Musik hingegen wurde in unserer Provinzstadt direkt praktiziert. Und zwar nicht als Konzertmusik, sondern in Verbindung mit Lebensbräuchen. Seither blieben sowohl die westliche Musik als auch die koreanische traditionelle Volksmusik in mir lebendig.

Diese beiden Musikkulturen haben mich bereits in Kindeszeiten sehr beeinflusst. Sie prägen auch die Wesensart meiner Musik: Sie wirkt als ERLEBTE Musik! Mein Schaffen wurde stark von der Kultur meines Heimatlands und von der westlichen Kultur beeinflusst.

Jeder Komponist möchte seine eigenständige Partitur bekannt machen, um gehört zu werden. Jedes Jahr bildet sich seine/ihre unverwechselbare Wesensart stärker aus. Ich bewege mich geduldig zwischen Inspiration und Handwerk. Wie die Melodie/Musik allerdings entsteht, das ist das Geheimnis jedes Komponisten.

Foto: Benedikt Rauscher

 

Mit der Aufführung des Orchesterstückes Sori bei den Donaueschinger Musiktagen wurden Sie 1980 international bekannt. Worin begründete sich der Erfolg?

Sori meint im Koreanischen alles, was akustisch wahrnehmbar ist: Geräusch, Schrei, Stimme, Ton, Ruf, Schall, Klang. Mit Bezug auf dieses Werk zitiere ich Nicolas Schalz: „Sori ist ein großes dramatisches Werk. Das Szenische, Theatralische durchsetzt es so, dass man sich durchaus eine Choreographie dazu vorstellen kann. Die immanenten Kontraste sind heftig. Sori ordnet sich ein in die Reihe jener nicht allzu häufigen Werke, in denen eindeutige Politisierung und radikale Struktur eine unlösbare Einheit eingehen – das Ergebnis heißt: unaustauschbare Individualisierung.“ ( aus „Komponisten der Gegenwart KdG 8/09, Seite 11, Younghi Pagh-Paan“)

 

Was unterscheidet das Publikum in Deutschland und Korea voneinander?

Sori wurde bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt und kam später mehrmals zur Aufführung; z.B. bei den IGNM-Weltmusiktagen in Brüssel. Es wurde auch im Rahmen der Sendung „Musik der Gegenwart“ vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und vom Bayerischen Rundfunkorchester München gespielt. Neulich gab es noch weitere Aufführungen in Bremerhaven und Cheongju, Korea.

Ich war überrascht, dass die Orchester und die Konzertbesucher sowohl in Bremerhaven als auch in Korea ein mittlerweile 35 Jahre altes Stück so gut aufgenommen haben, obwohl in Korea auch heute noch weniger zeitgenössische Musik gespielt wird als in Deutschland. Bei meiner Musik kommt es nicht auf die Nationalität des Publikums an, um sie hörend zu verstehen und davon berührt zu werden. Das empfinde ich als Erfolg. 

 

Im Juli dieses Jahres wird Ihnen der Preis der Europäischen Kirchenmusik 2015 verliehen. Sie werden u.a. für Ihre „musikalisch einzigartigen interkulturellen Visionen“[1] geehrt. Könnten Sie Ihr Verständnis von musikalischer Interkulturalität näher erläutern?

„Wer sich selbst und andre kennt
wird auch hier erkennen
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.“
(Johann Wolfgang vonGoethe)
 
„Aber das Eigene muß so gut gelernt sein wie das Fremde.“ 
(Friedrich Hölderin)
 

Diese beiden Zitate sind für mich von großer Bedeutung. Ich habe den interkulturellen Dialogvon Prosa und Dichtung ernsthaft studiert und in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Gedichten verschiedener Autorinnen und Autoren vertont und spirituelle Inhalte als Themen gewählt, um zu komponieren - unter ihnen Rose Ausländer, Kim Chi-Ha, Sophokles, Aischylos, Heinrich Heine, Johann Wolfgang vonGoethe, Sophie Scholl und Flugblätter der „Weißen Rose“, Byung-Chul Han, Han-Shan (chinesischer Mönch, 8. Jh.), Chung Chul (koreanischer Staatsmann, 16. Jh.).

Das ist für mich musikalische Interkulturalität.

 

Was bedeuten Heimat und Fremde für Sie?

Ich möchte mich noch einmal auf das Hölderlin-Zitat beziehen. Damit ist schon vieles gesagt. Das Buch von Julia Kristeva „Fremde sind wir in uns selbst“ ist für mich auch von großer Bedeutung. Nach 40 Jahren in Europa empfinde ich zwischen Heimat und Fremde keine deutlichen Grenzen mehr. Heimat kann manchmal als Fremde empfunden werden und diese Fremde kann auch die Heimat sein. In meiner Arbeit, meinen Kompositionen, finde ich meine Heimat und meine Fremde, in denen ich lebe.

 

 Das Interview führt Dr. Stefanie Grote
Redaktion "Kultur Korea"
 
Weiterführende Informationen unter:
 
 
 

[1] „Gmünds Koreanerin“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2015.

 

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