Magazin Kultur Korea

Hundert Jahre Wartezeit

Im Gespräch mit Jisun Leem über Stolpersteine
kultureller Verständigung

Jisun Leem liebt Schlagermusik, Bier und Dirndl - kein Oktober ohne Münchner Wiesn!

Bei ihrer Ankunft in München regnet es. Sie ist bis auf die Haut durchnässt. Es ist Sonntag. Die Geschäfte haben geschlossen. Erstaunen! „In Seoul sind die meisten Geschäfte an sieben Tagen die Woche 24 Stunden geöffnet.“ Das Drama um den zweitägigen Deutschlandaufenthalt im Rahmen ihrer dreiwöchigen Europareise – „typisch koreanisch rasant“ – endet notgedrungen in einer Bar. Zumindest einem deutschen Bier steht an diesem Tag nichts im Wege- zumal einem großen, das es in Korea nicht gibt.

Drei Jahre später wird Jisun Leem zum Masterstudium der Elektrotechnik nach Deutschland zurückkehren. „Meine Professorin in Korea hatte gute Verbindungen nach Deutschland und die Englischprüfung zur Qualifizierung für ein Studium im angloamerikanischen Raum hatte ich ohnehin nicht bestanden.“ Also dann, auf ein Neues! Als sie 2013 am Berliner Hauptbahnhof aussteigt, ist sie begeistert. „Alles war groß und weitläufig, die deutschen Männer wirkten attraktiv.“ Na also, geht doch!

Die Vorkenntnisse über das Land „irgendwo in Europa“ beschränken sich seinerzeit auf „Bier und Fußball“! Es fehlt die Wurst. Apropos Wurst: Es bleibt ein Rätsel, was die Deutschen meinen, wenn sie sagen, es gehe um die Wurst. Deutschland, ein Mysterium, ein Labyrinth! Das Verwirrspiel verdichtet sich mit der Begrüßung „Wie geht’s?“. „Ich habe gar nicht verstanden, warum die Leute immer wissen wollten, wie es mir geht. Ich fand die Frage irgendwie zu intim und habe einfach nicht geantwortet. Inzwischen weiß ich, dass das im Grunde nur eine Floskel ist.“ In Korea geht Begrüßung anders. „Wir fragen: ‚Hast du gegessen?‘ (밥먹었어?) oder ‚Bist du da?‘ (왔어?). Das meint aber im Grunde dasselbe.“

Als also niemand fragte, ob sie schon gegessen habe oder ob sie ‚da sei‘, weil nach deutscher Denkart die Anwesenheit dank der persönlichen Begegnung nicht mehr erfragt werden muss und die Frage nach der letzten Mahlzeit nur im Fall eines spontan geplanten Restaurantbesuches von Relevanz wäre, lauerte bereits der nächste Stolperstein.

Mit Kommilitonen der TU Berlin als Stipendiatin für zwei Wochen in Jekaterinburg/Russland

„Als mich ein deutscher Kommilitone zur Begrüßung umarmte, dachte ich, er sei in mich verliebt“ (lacht!). In Korea gibt es körperliche Begegnung eigentlich nur zwischen Liebenden. Selbst zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern sind Umarmungen jenseits der Kindertage unüblich. „Zur Begrüßung winken wir uns zu oder verneigen uns kurz voreinander. Berührung gibt es nicht.“ Mittlerweile genießt sie die insgesamt zwanglose Art der Begegnung, die in Deutschland auch zwischen den Geschlechtern möglich und in Korea so unmöglich ist. Es sei Teil dieser Freiheit, auch als Frau allein ausgehen und einfach mit jemandem ins Gespräch kommen zu können. „In Korea würde ich nie allein in eine Bar gehen, niemand würde das tun. Wir sind immer mit Freunden zusammen unterwegs.“

Jisun Leem kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, als ihr Smartphone in der U-Bahn versagt, der Kioskbesitzer beim Kauf einer Packung Kaugummis keine Kartenzahlung akzeptiert, die Freischaltung ihres Telefonanschluss Wochen dauert und behördliche Anträge zuweilen der Papierform bedürfen. Im Vergleich zu dem Hightech-Land und Serviceparadies Korea, dem Land des „Balli! Balli!“ (‚Schnell! Schnell!‘), der Supermarkt-Einkäufe per Mausklick und des bargeldlosen Zahlungsverkehrs erscheint Deutschland als „das langsamste Land der Welt. Auf alles muss man 100 Jahre warten“, lacht sie, „aber das hat auch etwas Gutes, denn hier in Deutschland bin ich viel geduldiger geworden.“ Sie hat sich sogar an die Ladenschlusszeiten und den Sonntag gewöhnt, wenngleich die Geschäfte in fast allen Ländern der Welt auch am Sonntag öffnen und sie immer noch nicht recht versteht, warum sich die Deutschen sonntags so ungern verabreden. „Was machen sie da?“ Ein exklusiver Tag im Kreis der Familie? Entspannung? Ruhe? - Schulterzucken. Stirnrunzeln.

Nichtsdestotrotz: Die Entschleunigung tut ihr gut. Mit Erleichterung registriert sie, dass eine einmal getroffene Verabredung mit deutschen Freunden keiner „hundertfachen Rückversicherung“ bedarf, anders als in Korea. Dort fragt man eine Woche vor der Verabredung, ob es denn bei der Verabredung in einer Woche bleibe, um sich dann an jedem folgenden Tag noch einmal zu versichern und am Tag der Verabredung sicherzustellen, dass die Verabredung heute tatsächlich steht, bevor sich 60 Minuten vorher noch die Frage erhebt, ob die Freundin denn schon unterwegs sei. Kein Wunder, dass das Smartphone zu einer Art Lebenspartner und der Blick auf‘s Display zur Alltags-, Freizeit- und Lebensgewohnheit geworden ist. „Für mich ist das purer Stress, und ich finde es sehr angenehm, in Deutschland nicht dauernd chatten zu müssen. In Korea aber ist es die Welt, in der wir leben. Auch innerhalb der Unternehmen gibt es eigens eingerichtete Chatgruppen, die eine pausenlose Beschäftigung mit dem Smartphone erfordern. Nach meiner Rückkehr nach Seoul möchte ich die erste Koreanerin sein, die sich diesem Dauerstress entzieht, aber ob das gelingen kann, wage ich zu bezweifeln.“

Feuerzangenbowle auf dem Weihnachtsmarkt in Dresden oder gebackener Karpfen nach fränkischer Art:
Jisun Leem ist offen für deutsche Kultur - "freilich"!

Jisun Leem ist offen, zugewandt, freundlich und kann all diesen Neu- und Fremdheiten insgesamt viel abgewinnen. Nicht zuletzt deshalb hat sie mehr deutsche als koreanische Freunde – trotz der großen koreanischen Gemeinde in Berlin. „In Deutschland möchte ich mit Deutschen sein. Die koreanische Gesellschaft kenne ich ja schon,“ schmunzelt sie. Sie fühlte sich von Anfang an willkommen, trotz erheblicher Sprachbarrieren zu Beginn. „Wenn die Verständigung nicht klappte, haben wir eben Englisch gesprochen. Die Deutschen waren immer freundlich.“ Heute spricht sie fließend Deutsch, sie hat schnell gelernt. In ihrem Studiengang Elektrotechnik ist sie eine der wenigen Frauen und die einzige Koreanerin. Als solche war sie an ausgeprägte Hierarchien der koreanischen Gesellschaft gewöhnt – auch an die zwischen Professoren und Studierenden. „In meiner Heimat ist das Verhältnis extrem höflich und sehr formell, bis hin zur Kleidung. Auch Eltern und Kinder sind viel distanzierter im Umgang miteinander. Meine deutschen Freunde haben jedoch eher eine freundschaftliche und lockere Beziehung zu ihren Eltern. Es gibt hier viel weniger Zwänge, das finde ich sehr positiv.“

Nach Abschluss ihres Studiums in diesem Jahr wird sie wohl in ihre Heimat zurückgehen und wieder Eintauchen in das Highspeed-Getümmel, die 7-Tage-Woche, die 24-Stunden-Dynamik. Sie freut sich auf authentisch koreanische Küche und weiß zugleich, was sie am meisten vermissen wird: Bargeldzahlung und Bier in großen Gläsern.

Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
Redaktion „Kultur Korea“

(Alle Fotos: privat)

Jisun Leem wohnt seit 2013 in Berlin und studiert Elektrotechnik an der Technische Universität Berlin. Sie liebt Reisen und die Begegnung und den Austausch mit Menschen aller Kulturen.

 

 

 

 

 

 

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