Magazin Kultur Korea

JazzKorea – Ein Spiegel in weiter Ferne

Eröffnung von JazzKorea 2016 im Kesselhaus, Kulturbrauerei Berlin

Von Matthias R. Entreß

Das Festival JazzKorea eröffnete im November 2016 bereits zum vierten Mal die koreanische Perspektive auf Jazz, und das Rätsel, das über dem Begriff „Jazz aus Korea“ hängt, wurde nicht kleiner. Die erste Irritation, die der deutsche Jazz-Kenner und -Genießer bereits 2013 und jetzt nicht minder empfindet, ist die unbestrittene Tatsache, daß die Jazzer aus Korea mehrheitlich die nicht-avantgardistischen Modern-Jazz-Stile aus Amerika und Europa bevorzugen.

Mich beeindruckt noch immer das Wort des ehemaligen Leiters des Berliner Jazzfests, Nils Landgren: Jazz müsse nicht amerikanisch oder schwarz sein. Jazz nenne er eine improvisierte Musik auf der Basis der jeweiligen Volkstraditionen. Dass der koreanische Jazz vor allem (nicht ausschließlich) den Westen kopiert, wird ihm hier gern zum Vorwurf gemacht.

Im Eröffnungskonzert am 17. November im Berliner Kesselhaus der Kulturbrauerei wurden unter verbesserungsfähigen akustischen Bedingungen und einer ungleichmäßigen elektrischen Verstärkung alle vier Bands vorgestellt, die das diesjährige „Line-up“ bildeten. Glücklich die Hörer, die die Gruppen einzeln und ausgiebiger im Berliner Koreanischen Kulturzentrum, in Hamburg, Frankfurt und sechs weiteren europäischen Städten erleben können.

Lee Han-Earl-Trio

Das Lee Han-Earl-Trio (이한얼 트리오) trat in der klassischsten aller Modern-Jazz-Besetzungen mit Piano, Bass und Schlagzeug auf, die typische personality-show für Jazz-Pianisten seit dem legendären Bill-Evans-Trio der späten 1950er Jahre. Lee Han-Earl (der sich mit der witzigen Fehltranskription seines Namens vielleicht in eine Reihe mit Duke Ellington und Count Basie setzen wollte) spielt schöne, unproblematische Themen, baut sie in sensibelstem Zusammenspiel mit Kim Hoo am Kontrabass aus, der für sein Solo zum Bogen greift und das große Instrument so gelenkig spielt, als wär's eine Cellosonate von Brahms. Perfekt balanciert auch die lebhafte, aber nie dominierende Schlagzeugerin Seo Soo-jin. Perfekter Cool Jazz, von äußerster Präzision, ohne Extravaganz – aber ohne jeden Ehrgeiz, wie es scheint, über das „Normale“ hinauszusteigen.

Weiteres Beispiel: Davor trat das „EungMin Cho Quartet“ auf; Cho Eung-min ist Gitarrist, die Begleitung ist wieder Piano-Bass-Schlagzeug. Es ist dieselbe zeitlose Jazz-Stilistik, die nirgends auftrumpft, alles in glatter Harmonie belässt. Alles wäre „gut, Note 2“, wenn da nicht der Schlagzeuger Shin Dong-jin wäre, der mit seiner unruhigen, aufmerksamen Spielweise jede Phrase interessant konterkariert, sich mit Off-Beats querstellt, oder jeden Takt mit einer anderen Zahl unterteilt. Man kann seinen Blick nicht von ihm lassen, hier sprengt die Virtuosität die Perfektion und steigert sie zum Erlebnis. Dabei lässt Shin niemals seinen Chef aus den Augen, und der lässt sich auch nicht durcheinanderbringen. Dessen niemals akkordisches Spiel fließt in schlichten Bahnen dahin, perlend und gelassen. Müsste er Shin Dongjin nicht feuern, da er ihm die Schau stiehlt?

EungMin Cho Quartet

Was ist an diesen beiden Bands koreanisch? Zur Antwort muss man etwas ausholen: In der koreanischen Tradition galten von jeher zwei Prinzipien: 1. Die Suche nach der idealen Form - deswegen ist die Zahl von musikalischen Werken sowohl in der aristokratischen wie in der volkstümlichen Musik sehr gering. 2. Der Schüler übernimmt das Werk vom Meister. Ein Sanjo – die Solosuiten mit Trommelbegleitung, ein Pansori – die gesungenen Romane, werden in jahrelangem Studium Ton für Ton, Wort für Wort, in jedem Detail in mündlicher Überlieferung vom Meister übernommen. Auch die Noten der aristokratischen Musik sind nichts ohne diese Art der mündlichen Überlieferung.

Analog dazu stellt der „koreanische Jazz“ das gefilterte, perfektionierte Substrat des amerikanischen und europäischen Jazz dar, sozusagen gefriergetrocknet. Ist das nicht eine schätzenswerte Eigenschaft, ist das Hören dieser Version von Jazz nicht auf völlig neue Art und Weise aufregend? Dass der melancholische Ton vorherrscht, mag eine Mode sein. Aber dass immer wieder (auch in vorherigen Jahren) einzelne Virtuosen nicht Stilkopien, sondern gigantische Vergrößerungen dessen zeigen, was sozusagen kanonisiert ist, deutet auf ein anderes Potential hin, auf eine wirklich andere Perspektive.

Asian Scholars

Aber, es ist sehr erstaunlich, daß ausgerechnet der Jazz in Korea sich so schwer tut, sich auf die eigenen Volkstraditionen zu beziehen! Wer je ein Sinawi, die schamanistische Improvisationsmusik, gehört hat, wird die Nähe zum Free Jazz, bzw. zum ebenfalls turbulenten New-Orleans-Jazz nicht verkennen, und in Konzerten mit Sanjos, den erwähnten Solosuiten, die aus derselben Quelle wie das Sinawi schöpfen, hört man deutsche Hörer ebenfalls gelegentlich ausrufen: „Das ist ja der reinste Jazz!!“ Vielleicht liegt es daran, daß die Musiker einfach nicht die entsprechenden Lehrer haben. Aber natürlich gibt es Jazz-Musiker, die sich darauf beziehen, wie z.B. der Free-Jazz-Saxophonist Kang Tae-hwan, Jahrgang 1944, der die Erregung der Europäischen Free Music in eine tiefe asiatische Meditation überführt hat; er fehlte bisher in den auf jugendliches Alter beschränkten Line-ups. Andererseits kam die diesjährige Auswahl nicht durch Recherche vor Ort, sondern durch eine Ausschreibung zustande. Von den 70 perfekten Jazzgruppen wählte das Komitee um Nabil Atassi und Martin Zenker die Besten aus, auch mit Blick auf ein möglichst breites Stil-Spektrum. Vielleicht hielten sich die echten Avantgardisten des koreanischen Jazz für chancenlos und haben sich gar nicht erst beworben. Man weiß es nicht.

Electric Band ,OFUS'

Diesmal waren es die „Asian Scholars“ – asiatische Gelehrte -, die die traditionelle Musik bemühten. Diese Gruppe um den Bambus-Oboe Piri-Spieler Kim Yechan bringen zwar koreanische Instrumente ein, modifizieren sie aber beinahe zur Unkenntlichkeit, um sie ebenfalls einer melancholischen Form des West-Jazz zugänglich zu machen. Kims Piri – eine Einzelanfertigung – hat fast die doppelte Länge der normalen Piri und eine an die westliche Oboe erinnernde Klappenmechanik, die es erlaubt, alle 12 Töne der westlichen Chromatik zu greifen. Mit dem breiten Doppelrohrblatt und der eher zylindrischen statt konischen Bohrung klingt sie wie eine etwas näselnde Klarinette und ist traditionell nur da, wo ein weitgreifendes Vibrato intoniert wird. Kim Hong-gie, der Schlagzeuger, spielt ein „Samul-Set“, das sich erst bei näherem Hinsehen als koreanisch erweist. Neben der normalen Snare-Drum gibt es die Sanduhrtrommel Janggu, Fasstrommel Buk, das scheppernde Becken Ggwaengari und den Gong Jing, aber statt der Jangdans genannten komplizierten Rhythmusmuster ist es auch hier der Viervierteltakt, der dominiert. Die Asian Scholars sind sehr unterwürfige Diplomaten und bringen den Gastgebern, was sie bereits haben, mit nur einem Hauch von exotischem Gewürz…

Der Eröffnungsabend endete dann doch noch recht munter und etwas „moderner“ mit der „Electric Band ‚OFUS’“. Wer unbedingt Parallelen zur Jazzgeschichte suchte, mochte vielleicht an Miles Davis, den unerschöpflichen Impulsgeber für Cool-Jazz, Hard Bop, Electric-Jazz in seinen späten Jahren denken, wo freie Improvisationen über einem dichten Rhythmusteppich schwebten, aber OFUS’ Repertoire aus elektrischen Quietschtönen erinnerte eher an Lärm aus Seouler Computerspielhallen. Gitarre und E-Piano scheuten sich nicht vor krassen Dissonanzen, wohingegen die Läufe des Tenorsaxophonisten dem Rockjazz der 70er Jahre entlehnt schienen. Das nun war eine wahrlich weitwinklige Perspektive auf das, was Jazz in der Welt war und ist; mit ganz ungezwungenen kreativen Spielimpulsen.

 

Fotos: Koreanisches Kulturzentrum


Matthias R. Entreß (Foto: Gabriele Förster)

Matthias R. Entreß, geb.1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/2013/2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.  

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