Magazin Kultur Korea

Koreanisch unter Naturwissen-
schaftlern im Aufwind

Im Gespräch mit Christina Thunstedt, leitende Lektorin am Sprachenzentrum der Technischen Universität München

Das TUM Sprachenzentrum in München (Foto: Olga Lichtig)

Christina Thunstedt hat viel Interessantes zu berichten über das Sprachenzentrum der Technischen Universität München (TUM), das neben 16 anderen Sprachen wie Russisch, Türkisch und Schwedisch auch Koreanisch im Angebot hat. In dieser Eigenschaft ist sie für die Entwicklung des Kursprogramms, für die Organisation von Fortbildungen für Dozenten und Lektoren oder auch für die Evaluation der Sprachkurse zuständig. Darüber hinaus ist sie mit der Organisation von Veranstaltungen zur Präsentation von Ländern und deren Kulturen betraut, um die Sprachen mit einem entsprechenden Wissen über die jeweilige Weltregion zu verknüpfen und Studierenden Perspektiven zu eröffnen. Das TUM Sprachenzentrum ist das Drehkreuz zur Internationalisierung der Universität und die Schnittstelle zwischen Technik, Wissenschaft, Kommunikation und Kultur. „Softskills sind in einer globalisierten Welt unerlässlich“, sagt sie.

Das Sprachangebot ist beachtlich, zumal für eine technisch und natur-, nicht geisteswissenschaftlich ausgerichtete Universität. Noch beachtlicher ist die Resonanz. „Wir haben pro Semester 10.000 Anmeldungen zu den Sprachkursen.“ Vor dem Hintergrund einer Gesamtzahl von etwa 40.000 Studierenden lässt sich unschwer errechnen, dass gut ¼ aller an der TUM Immatrikulierten jedes Semester das Sprachangebot nutzt. Gewiss, diese Bilanz ist nicht allein der großen Sprachbegeisterung, sondern auch dem Studienplan und damit den bevorstehenden Auslandssemestern zu verdanken, die ohne Fremdsprachenkompetenz schwerlich zu bewältigen wären. Bemerkenswert bleibt jedoch, dass sich Studierende aus Europa allein wegen des Mehraufwands zum Erlernen einer nicht romanischen Sprache wie Hebräisch, Arabisch oder Koreanisch offensichtlich nicht von einem Auslandsstudium in Israel, Abu Dhabi oder eben Korea abhalten lassen.

Sprachunterricht an der TUM (Foto: Astrid Eckert)
„Koreanisch wird weltweit von knapp 80 Millionen Menschen gesprochen“, ist auf der Website des Sprachenzentrums zu lesen. Grund genug, entsprechende Kurse auf verschiedenen Niveaustufen anzubieten, aber nicht Grund allein. Üblicherweise sind es politische Entwicklungen in den jeweiligen Ländern und damit Ambitionen zur Kooperation der Hochschulen untereinander, die Auslöser sind für die Einrichtung entsprechender Sprachkurs-angebote, erklärt Christina Thunstedt. „Solche Partnerschaften sind Motivation für Studierende, sich einem Land zuzuwenden.“
 
Da dieses Kriterium durch Partnerschaften mit der Information and Communications University (ICU), dem Korea Advanced Institute of Science and Technology (KAIST), der Korea University oder der Sogang University erfüllt ist und Korea als IT-Land insbesondere für Informatiker und Elektrotechniker, aber auch für Wirtschaftswissenschaftler von großem Interesse ist, erfreuen sich die Koreanisch-Kurse zunehmender Beliebtheit. Seit deren Einführung im Wintersemester 2012/2013 hat sich die Teilnehmerzahl bis zum Wintersemester 2016/17 auf 100 Personen fast verdoppelt. Diese Angabe bezieht sich nicht auf die Zahl der Anmeldungen, sondern auf die tatsächliche Teilnahme während des gesamten Semesterverlaufs. Erfreulicherweise lässt sich die Verdoppelung der Personenzahl auch für die Teilnahme an Fortgeschrittenenkursen feststellen, was bedeutet, dass höhere Sprachkenntnisse angestrebt werden und Koreanisch durchaus keine Eintagsfliege (mehr) ist. Ein „Lonesome George“ ist die Sprache aber auch (noch) nicht. Der Kurs für eine nächsthöhere B-Stufe scheiterte bislang an mangelnder Nachfrage. 
(Foto: Astrid Eckert)
 
Mit Koreanisch an sich habe dieser Umstand jedoch nichts zu tun, sagt Thunstedt. Auch in anderen Sprachen sei vielfach ein Ausschei-den nach Abschluss der verschiedenen A-Stu-fen zu beobachten, was vermutlich weniger auf ein Desinteresse als auf mangelnde Zeit-fenster zurückzuführen sei. „An dieser technisch-naturwissenschaftlich ausgerichte-ten Universität ist das Erlernen einer Fremd-sprache weniger selbstverständlich als an einer geisteswissenschaftlichen Universität. Die Studierenden sind mit ihren Studien-plänen stark ausgelastet und nehmen be-merkenswerterweise dennoch bis spät in den Abend an den Sprachkursen unseres Zentrums teil.“ Trotz allen Engagements lässt sich an lauen Sommerabenden oder kurz vor Weihnachten für alle Sprachen eine Erschöpfung der Lernbegeisterung beobachten, die sich zusätzlich mit der Erkenntnis verstärkt, dass der Kraftaufwand zur Erlangung der nächsten Stufe doch größer ist als angenommen, erläutert Thunstedt.
 
Und wer könnte es verübeln, wenn der Mut zur Lücke aus dem Gefühl erwächst, sich mit dem vorhandenen Grundwortschatz in dem fremden Land bereits hinlänglich verständlich machen zu können? Ein Blick auf den Plan für das Sommersemester 2017 informiert über einen Koreanischkurs B1 (!), freitags von 15.00 Uhr - 16.30 Uhr, kurz vorm Wochenende - für diejenigen, die der Mut dann doch verlässt.
 
 
Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
Redaktion „Kultur Korea“
 

(Foto: Astrid Eckert)

Christina Thunstedt ist seit 2013 leitende Lektorin am Sprachenzentrum der Technischen Universität München. Die gebürtige Schwedin hat in ihrer Wahlheimat in den Fächern Nordische Philologie, Germanistik und Turkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ihren Abschluss gemacht. Am TUM SprachenZENTRUM, diesem lebendigen, kreativen Ort der kulturellen Begegnung, an dem Internationalisierung wahrhaftig gelebt wird, fühlt sie sich genau richtig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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