Magazin Kultur Korea

„Meine Botschaft ist immer die Musik gewesen“

Interview mit Matthias R. Entreß, Preisträger der Auszeichnung der Republik Korea 2016

Matthias R. Entreß in der Bibliothek des Koreanischen Kulturzentrums (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Sie haben am 30. Dezember 2016 die Auszeichnung der Republik Korea erhalten. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Sie steht natürlich nicht am Ende meiner Arbeit, wie ich hoffe. Ich verknüpfe mit dieser Auszeichnung eigentlich eine höhere Anerkennung meines Wirkens; nicht meiner Person, sondern dessen, worum es mir geht. Es ist immer so schwer gewesen, andere davon zu überzeugen, anspruchsvolle Projekte in Europa, in Deutschland zu machen. Ich empfinde es einerseits als Ermutigung, aber auch ein bisschen als Versprechen, die Zusammenarbeit mit koreanischen Künstlern und Instituten noch zu intensivieren. Meine Botschaft ist immer die Musik gewesen. Diese vielen verschieden Musikformen können hier große Begeisterung erwecken, bei einer gewissen Anzahl von Leuten. Sie können niemals Fußballstadien füllen und wohl auch nur selten die große Philharmonie, aber wir haben andere kulturelle Segmente in unserer eigenen Kultur, die auch sehr zugewandte Hörer haben. Und solche Hörer will ich finden und ihnen die Kenntnis dieser Musik näherbringen.

Sie haben eben gesagt, dass es nicht immer einfach war, Projekte in Europa zu realisieren. Was hat Sie dazu motiviert, trotzdem weiterzumachen?

Seitdem ich diese Musik kenne, habe ich das Gefühl, sie fehlt hier.

Ich würde sie gern präsent machen, sodass man ein bis zwei Mal im Jahr die Gelegenheit hat, sich damit zu beschäftigen. Und sie dann auch lange nachwirken zu lassen. Denn diese Dinge wirken nach, sie sind so fremd und anstrengend. Sie arbeiten in einem weiter, und diese Gelegenheit möchte ich geben. Deswegen meine ich, sie fehlt.

Was war in Ihrer Arbeit der vergangenen Jahre Ihr persönliches Highlight?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es sich bei diesen Highlights auch immer um das Menschliche gehandelt hat. 2003 war ich in Korea eingeladen, um für den Deutschlandfunk eine Reportage über ein Vokalmusikfestival in Seoul zu machen. Es waren drei Abende, und es gab auch die Vertonung von Sijo (an der Silbenzahl orientierte klassische Gedichtform) und Gagok (Vokalmusikform) mit Kim Ho Song, einem berühmten Gagok-Sänger. Seine Aufführung hat mich zu Tränen gerührt.

Nach dem Konzert bin ich hinter die Bühne gegangen und wollte ihm die Hand schütteln. Und er fing dann gleich an mit „Das muss ja furchtbar für Sie sein“, „Die schlimmste Zeit Ihres Lebens, so etwas Hässliches zu hören“ und „Es tut mir unheimlich leid, dass wir so eine schreckliche Musik haben!“

Und ich war ganz platt und auch verletzt, weil ich ganz beseelt von der Musik war. Es war so etwas Fremdartiges und Wunderbares, und ich wollte dem Sänger meine Begeisterung zeigen, aber er wollte nichts davon hören und sehen, sondern meinte gleich, das sei einfach nur peinlich.

Deswegen bin ich froh, wenn es mir gelingt, in solchen Konzerten den Künstlern die Begeisterung unseres Publikums zu zeigen. Das war zum Beispiel bei der (ziemlich langen) Aufführung des Sinawi (koreanische schamanistische Ritualmusik) in Hamburg im Mai 2011 der Fall, nachdem die Musiker 33 Minuten lang diese immer ekstatischer werdende Musik gespielt hatten. Da war der Applaus vom Publikum brüllend. Die Leute schrien vor Begeisterung, und die Künstler waren regelrecht erschrocken. Sie hatten so etwas überhaupt nicht erwartet. Erschrocken und natürlich im nächsten Moment auch sofort gerührt. Das sind Erfolge, die einfach großartig sind. Da freu ich mich wahnsinnig!

Wann sind Sie erstmalig mit der koreanischen Musik in Kontakt gekommen?

1985 gab es das Festival „Horizonte“ in Berlin, drei Wochen mit ostasiatischer Musik und Theater. Innerhalb dieses Festivals gab es einen Schwerpunkt, koreanische Musik, veranstaltet vom Internationalen Institut für vergleichende Musikforschung, hohe Qualität. Eigentlich alle großen Formen wurden sehr ausführlich präsentiert. Und ich erinnere mich wirklich noch, als wäre es gestern gewesen, an den ersten Ton, den ich gehört habe. Das war der berühmte Meister Hwang Byungki mit seinem Gayageum Sanjo. Ich hatte nie zuvor eine Gayageum (koreanische Zither) gesehen, ich hatte nie zuvor ein Sanjo (Solospiel für ein Melodieinstrument, begleitet von einer Trommel) gehört. Und der erste Ton - ich saß im Otto-Braun-Saal am Potsdamer Platz, im Rang, also gar nicht nah dran - das war so ein dumpfes „Plopp“, fast kein Ton, sondern mehr so eine Art Geräusch, so schwach und so kraftvoll zugleich. Ich fokussierte mich und war von Anfang an vollkommen fasziniert.

Ich habe mich immer für neue Musik interessiert. Für zeitgenössische, westliche Avantgardemusik, und in der traditionellen koreanischen Musik gibt es viele Eigenschaften, die sehr nah an unserer Avantgardemusik dran sind. Also Rauheit der Klänge, mikrotonale Effekte, philosophische Konzepte und die Langsamkeit. Ganz viele neue Musik ist sehr, sehr langsam. Auch die koreanische Musik, die Hofmusik, hat sehr langsame Musikformen. Es war für mich überhaupt keine Anstrengung, das zu hören, und auch die philosophischen Konzepte dahinter zu vermuten. Es belebte mich in einer ganz überraschenden Art und Weise. Meine lebenslange Beziehung zur traditionellen koreanischen Musik wurde dadurch begründet.

Ihre erste eigene Veranstaltung hatten Sie mit „alte und neue musik aus korea“ im November 2004 im Podewil in Berlin. Wie kam es dazu?

Das war damals zusammen mit den Freunden Guter Musik Berlin e.V. und dem Komponisten Daniel Seel als Co-Kurator. Finanziert wurde es vom Hauptstadtkulturfonds. Daniel lebte als Komponist in Korea und sprach mich eines Tages an, ob ich nicht irgendwelche Verbindungen zu Kulturveranstaltern in Berlin hätte - ich war damals bereits seit vier Jahren Journalist - und ob man nicht ein kleines Festival mit traditioneller koreanischer Musik machen könnte. Und dann haben wir das Festival zusammen organisiert, und es wurde gleich etwas Großes. Trotz Tausender von unheimlich interessanten Schwierigkeiten haben wir es geschafft, ein Programm zu gestalten, das sich vor allen Dingen der traditionellen Musik annahm. Ein komplettes Pansori (Form der epischen Gesangskunst), Kajin Hoesang (aus dem buddhistischen Gesang hervorgehendes Instrumentalwerk), ein kompletter Yeochang Gagok-Zyklus (lyrische Kunstlieder für Frauengesang), Sanjos, aber auch moderne Musik, Improvisation und zwei Konzerte mit westlich orientierter Neuer Musik, was ich auch wichtig fand, zu zeigen.

Das war meine erste Veranstaltung. Und in Folge dessen wurde ich aus Italien von MITO SettembreMusica eingeladen, 2007 einen sechsteiligen Fokus auf traditionelle Musik aus Korea zu legen, für Turin und Mailand. Und das war auch noch einmal eine großartige Sache.

Sie setzen sich immer dafür ein, dass koreanische Musikformen nicht in einer gekürzten, sondern in ihrer Originalversion aufgeführt werden. Was ist der Grund dafür?

Was mich nach dieser ersten Begegnung 1985 mit der koreanischen Musik gestört hatte, war, dass die koreanischen Gruppen, die immer einmal wieder nach Deutschland kamen, nur einen Reigen der verschiedenen Musikformen präsentierten, die es so gibt: innerhalb von 70 Minuten acht verschiedene Musikformen, von langsam bis schnell. Aber sie sind so fremd. Man lernt sie nicht innerhalb von fünf oder zehn Minuten zu hören. Dem Hörer muss einfach die Gelegenheit geboten werden, in diese Musik einzusteigen. Und dann gibt es sie nun einmal in langer Form. Die Sanjos dauern eine halbe bis ganze Stunde. Ein Pansori kann Götterdämmerungsdauer haben, so sechs Stunden maximal. Und das Yongsan Hoesang (Werk der Hofmusik) dauert eine Stunde. Das sind alles große Werke, und warum sollte man sie nicht ganz spielen, wenn es sie gibt? Wir spielen hier unsere Werke doch auch ganz. Ein ganzes Beethoven-Streichquartett oder eine ganze Bruckner-Symphonie, die ja auch schon 80 Minuten dauern kann. Das ist doch kein Problem.

Und ein Kulturpublikum will sich der Sache widmen und weiß auch, dass das nicht mit fünf Minuten Informationen, so, wie eine Schlagzeile in der Zeitung, abgetan ist. Sondern man muss es erleben. Und ich meine sogar, dass man manchmal durch ein Tal der Tränen gehen muss. Durch fürchterliche Langeweile, bis man plötzlich aufwacht und versteht, WIE man das hört. Und was da drin ist und WAS man überhaupt hört.

Es sind völlig andere Klänge, völlig andere Melodien, völlig andere Formen. Da muss man erst einmal dahinterkommen. Das braucht Zeit. Das ist der wichtigste Grund. Und es ist natürlich auch eine Frage des Respekts, dass die Musiker den zugewandten Hörern Respekt zeigen und sie ihre Werke unverhüllt, ungekürzt und ungeschönt zeigen. Und dass umgekehrt auch unser Publikum den Musikern und der Musik Respekt erweist, indem es ihr ganz komplett lauscht und es geschehen lässt. Ich halte das für mehr als nur eine Geste. Das ist ein wirkliches Zusammenkommen. 

Sie haben gesagt, dass diese Auszeichnung nicht am Ende Ihrer Arbeit steht. Was ist ihr nächstes Projekt?

Im Juli gibt es eine Pansori-Aufführung und ein Pansori-Symposium, gemeinsam mit dem Pansori-Forscher Jan Creutzenberg, der gerade seine Doktorarbeit fertiggestellt hat. Für den 14. Juli haben wir die ufafabrik in Berlin als Veranstalter des Pansoris gewonnen. Und dann gibt es am nächsten Tag im Koreanischen Kulturzentrum ein Symposium unter dem Titel „Pansori in Europa, zwischen Vermittlung und Aneignung“, wo wir über die verschiedenen Aspekte sprechen, einerseits die Aufführung traditioneller Pansoris: was man da beachten muss, wie die Wirkung ist, was eigentlich die Idee bedeutet. Aber dann werden wir auch untersuchen, was die Auswirkungen von Pansori aufs moderne Theater sind. Es gibt hier offensichtlich ein großes Interesse an dieser lebhaften Kunst und eine Anzahl von Künstlern, die sich bemühen, sie in ihre Arbeit zu integrieren.

2005 ist Ihr Werk „Pansori. Die gesungenen Romane Koreas“ mit den kompletten Texten der Pansoris „Chunhyang-ga“, „Simcheong-ga“ und „Sugung-ga“ in deutscher Übersetzung erschienen. Warum spricht Sie gerade das Pansori so an, dass Sie ihm ein ganzes Buch gewidmet haben?

Ich hatte früher in Korea einmal einige Pansori-Aufführungen gehört und überhaupt keine Ahnung von dem Inhalt. Ich habe einfach nur diesen Gesang genossen, der mir unendlich vielfältig und ausdrucksvoll erschien. Ich habe gedacht, dass ich nicht zu wissen brauche, worum es da geht, da es schon an sich so ein toller Gesang ist. Aber nicht alle Leute hören solche Musik so gern wie ich. Ich war daher der Ansicht, dass den Zuhörern doch irgendwie vermittelt werden sollte, worum es eigentlich geht. Da begegnete ich also dem Inhalt und dem Text, und das war noch einmal super aufregend, weil der Text als solcher schon so eine unheimliche Aufführungsqualität hat. Alles passiert wirklich direkt im Moment. Selbst im Lesetext hat man das Gefühl, dass dort die direkte Ansprache des Sängers an das Publikum enthalten ist. Die Geschichte passiert also im Moment, und sie ist gespickt mit lauter witzigen Seitenhieben und Sprüngen. Eine Literaturform, die es in Deutschland vorher noch gar nicht gab. Und dazu auch noch eine mündliche. Das habe ich bemerkt, als wir die Übersetzung erstellten, mit einem koreanischen Musikwissenschaftler in Korea. Er hat mir erzählt, was da passiert, und ich habe es dann aufgeschrieben. Und weil diese Pansori-Aufführungen in Hamburg und Berlin so einen unglaublichen Zuspruch hatten, fühlte ich mich ermutigt, jetzt auch noch weiter zu machen und ein Buch herauszubringen. Das war anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2005, bei der Korea das Gastland war. Es ist eine mitreißende Literatur, die ich vorher nicht kannte.

Wir sind nun am Ende des Interviews angelangt. Gibt es noch etwas, das Sie gern sagen möchten?

Meine Arbeit wäre getan, wenn gelegentlich diese Musiker aus Korea hierherkämen und große Werke aufführten. Dann ist es gut, dann fehlt es nicht mehr und ich kann mich als Konzertbesucher zurücklehnen und als Journalist meine Rezensionen schreiben. Solange das nicht der Fall ist, habe ich noch viel zu tun. 


Matthias R. Entreß (Foto: Gabriele Förster)

Matthias R. Entreß, geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea. Anfang Juli dieses Jahres feierte er seinen 60. Geburtstag. 

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