Magazin Kultur Korea

PyeongChang auf Kurs

Aber Olympia-Fieber muss noch entfacht werden

Eingang zum Olympia-Park Gangneung im Coastal Cluster (Fotos: Frank Thomas)

Von Frank Thomas

Geschäftsmann Son Yong-Mok wirkt ein wenig mürrisch. «Ski and Board» steht über der Tür seines kleinen Ladens am Eingang der Olympic-Ro, der Olympia-Straße, von Hoenggye. Nur wenige Meter entfernt vom Hauptquartier des Organisationskomitees der Olympischen Winterspiele 2018 liefen Absatz und Ausleihe von Snowboards und Ski im zurückliegenden Winter nicht besonders, obwohl die herrlichen Berge im Yongpyong Alpin-Zentrum von PyeongChang in Sichtweite liegen.

 «Im nächsten Jahr wird es besser, dann kommen die Touristen. Da bin ich mir ganz sicher», hofft Mr. Son, der im vergangenen Winter kaum 100 der nur 25.000 Won (22 Euro) kostenden Schlitten an den Mann gebracht hat. So wie er hoffen viele Südkoreaner in der dünn besiedelten und strukturschwachen Provinz Gangwon auf eine Geschäftsbelebung durch die Spiele. Olympia soll den Tourismus ankurbeln, die Region nahe der Grenze zu Nordkorea nicht nur im eigenen Lande bekannter machen.

Olympic Ice Arena für Eiskunstlauf und Shorttrack

«Als ich im November 2015 mein Amt übernommen habe, gab es viele Probleme mit den Bauprojekten. Diese sind behoben worden. Es macht mir Freude, dass wir nun viele Dinge in den Griff bekommen haben», strahlt Yeo Hyung Koo, der Generalsekretär des Organisationskomitees POCOG, enorme Zuversicht aus.

In der Tat: Ganz anders als andere Olympia-Organisatoren in vergangenen Jahren können die Koreaner stolz sein, dass schon ein Jahr vor den Spielen 95 Prozent aller Sportstätten den Aktiven zu Tests offen standen. Einzig das Olympiastadion für die Eröffnungsfeier am 9. Februar 2018 sowie die Schluss-Zeremonie wird erst im September dieses Jahres fertiggestellt sein.  

Maskottchen für Olympische und Paralympische Spiele vor dem Olympic Oval für Eisschnelllauf

Doch ein Problem offenbarten die vielen hochkarätigen Sport-Veranstaltungen im vorolympischen Winter auch: Der Wintersport hat mit Ausnahme des Shorttracks in Südkorea kaum Tradition. «Man muss zugeben, das Interesse am Wintersport ist in Korea nicht so groß wie in Europa. Wir tun aber alles, was in unserer Macht steht, um das zu ändern», sagt Yeo. «Es ist mein größter Wunsch, dass wir in den verbleibenden Monaten einen Boom für den Wintersport in unserem Lande auslösen.» Im Kampf um die Popularität der Spiele soll vor allem das hübsche Gesicht des früheren Eiskunstlauf-Stars Kim Yu Na helfen. Die Olympiasiegerin winkt als Botschafterin von nahezu jedem Plakat in der Region.

Trotz groß angelegter Werbeaktionen mit Liveshows oder Festivals sowie Liveboards in Einkaufszentren mit virtuellen Bob- oder Alpin-Schussfahrten sprang der Funke in der Bevölkerung der Bergregion bisher nicht über: Kaum Zuschauer sahen das Skispringen oder die Biathlon-Weltcups, bei den Eisschnelllauf-Weltmeisterschaften von Gangneung verließen die Anhänger nach dem Auftritt der heimischen Asse das über 100 Millionen Euro teure und modernsten Ansprüchen genügende Olympic Oval. Wie die benachbarte Olympic Ice Arena für Eiskunstlauf sowie Shorttrack und die zwei Eishockey-Hallen und das Curling Center liegt das Oval im Coastal Cluster der 220.000 Einwohnerstadt am Ostmeer.    

Olympia-Symbole auf allen Gully-Deckeln im Olympia-Park

Das Zentrum der Spiele ist aber die etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernte Region um das Dörfchen PyeongChang mit dem technisch aufwendigen Alpensia-Sliding-Zentrum für Bob und Rodeln. In fußläufiger Entfernung befinden sich das Medienzentrum, die Schanzen, die Langlauf- und die Biathlon-Arena im Gebirgs-Cluster, zu dem auch das Stadion für alpine Skirennen auf dem Rainbow Hill gehört.

«Ein herrlicher Sportkomplex in Alpensia, sehr professionell und mit viel Hirnschmalz angelegt. Und so dicht am Olympischen Dorf», zeigte sich der deutsche Rodel-Bundestrainer Norbert Loch nach der internationalen Trainingswoche begeistert. Die Kosten für die sechs Neubauten unter den zwölf Sportstätten liegen bei umgerechnet 611 Millionen Euro, das Gesamtbudget der Spiele bei etwa 11,2 Milliarden Euro. Ganz wichtig für die Erschließung der Region ist die Trasse für einen Hochgeschwindigkeitszug, der das Wintersportgebiet von Seoul aus in gut einer Stunde erreichen soll. 

Wenn die Organisatoren heute dennoch zuversichtlich dem Ereignis entgegenschauen, so war es doch ein oft steiniger Weg seit dem Zuschlag im Juli 2011 für die dritten Winterspiele in Asien nach den japanischen Städten Sapporo (1972) und Nagano (1998). Noch vor reichlich zwei Jahren plagten die Macher größere Finanzprobleme. Wegen eines Streits um den Neubau des zuvor nicht geplanten Olympiastadions drohte die Provinz Gangwon, ihr Austragungsrecht zurückzugeben. Doch der Staat lenkte ein und übernahm einen größeren Anteil der Kosten.  

Hockey Arena im Olympia-Park Gangneung

Lähmend wirkte sich auch die Korruptions-Affäre um eine Vertraute der inzwischen suspendierten Staatspräsidentin Park Geun Hye auf das Stimmungsbild im Lande aus. «Das hat den Boom schon beeinträchtigt», räumt Yeo ein. «Natürlich gab es wegen der Affäre Schwierigkeiten, genügend Sponsoren zu finden.» Auch bestimmte Bauprojekte seien Ziel von Korruption gewesen sein, doch auf den Bau der olympischen Sportstätten habe der Politskandal keinen Einfluss gehabt, behauptet der POCOG-Chef.

Als große Motivation dient den Organisatoren immer wieder Seoul 1988, als sich im Land zu den Sommerspielen eine ungeahnte Euphorie breit machte. Bis zur Eröffnung sollen daher in PyeongChang die im zurückliegenden Winter Jahr erkannten Mängel in Sachen Unterkunft und Transport abgestellt sein. «Die Test-Events haben gezeigt, dass noch nicht alles reibungslos abläuft. Wir müssen die Probleme erkennen, auswerten und bis Olympia lösen», kündigt Yeo an. 

Schließlich sollen mit dem Auftakt zur asiatischen Olympia-Trilogie mit PyeongChang 2018, Tokio 2020 und Peking 2022 dann auch entsprechend dem Motto «Neue Horizonte» für Asien erschlossen werden. Dabei wird der wichtigste Pfeiler sein, ob die Stadien einer sinnvollen Nachnutzung dienen, also Touristen zur eigenen Betätigung in die Region locken.

Besonders die 114 Milliarden Won (etwa 93 Millionen Euro) teure hochmoderne Bob- und Rodel-Bahn gilt da als Problem. Noch ist völlig ungeklärt, wer die erste komplett mit LED-Licht ausgestattete Piste nach den Spielen nutzt. «Wir hoffen, dass ein Nachwuchszentrum entsteht», sagt Venue-Manager Hong Yun Ju. «Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.» 

Nicht zuletzt ruhen die Hoffnungen der Olympia-Gastgeber auf den Chinesen, die mit Blick auf die Winterspiele in Peking eine starke Streitmacht aufbauen wollen. Sie könnten künftig die Eisrinne mitnutzen und sich an den geschätzten Betreibungskosten von 3,5 Millionen Dollar jährlich beteiligen.

Höchsten Wert haben die Baumeister auf die Sicherheit gelegt. «Schauen Sie auf die sicheren Kurven. Einen Fall wie 2010 darf es nie wieder geben», sagt Hong und erinnert an den schrecklichen Vorfall von Vancouver 2010, wo der Georgier Nodar Kumartaschwili über die Kurvenumrandung hinausgetragen wurde und tödlich verunglückte. 


Foto: Frank Thomas

Frank Thomas arbeitet seit über 26 Jahren für die Sportredaktion der Nachrichtenagentur dpa. Seit 1992 war er für die Agentur bei allen Olympischen Spielen dabei und berichtete auch im Februar 2017 von den Vorbereitungen auf die ersten Winterspiele in Südkorea.

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