Magazin Kultur Korea

Roter Mohn vor Hochhausschluchten

Seoul mit dem Velo: Am Han-Fluss entlang fährt man aus der Stadt raus und ist doch mittendrin.

Der Han-Fluss teilt die Stadt Seoul (Alle Fotos: KTO)

Von Franz Lerchenmüller

Wenn irgendwann der Bedarf an modischen Sonnenbrillen, bunten Plateausandalen und neuestem elektronischem Schnickschnack gedeckt ist, wenn einem der letzte Abend mit viel Karaoke und Reisschnaps noch in den Knochen hängt und sich sogar ein leichter Überdruss gegenüber den fröhlich flanierenden Menschenmengen in Seoul einstellt, dann wird es Zeit für den Fluss.

Mit der U-Bahn 5 geht es zur Station Yeouinaru. Ein Blumenbogen in Form eines halbversunkenen Herzens rahmt den Blick auf das Wasser. 200 Meter weiter liegt eine der vielen Fahrradstationen. Das Ausleihen ist einfach, Velos gibt es «normal» und «hybrid», aber anders als früher muss man sie abends genau an der Ausgangsstation wieder abliefern.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren haben die Stadtväter der Zehn-Millionen-Metropole einiges getan, die Region am Han-Fluss attraktiver zu gestalten. Und so führt heute auf 25 Kilometern Länge ein zweispuriger Fahrradweg entlang des Südufers. Fast flach verläuft er, alle paar hundert Meter findet man einen Trinkbrunnen, es gibt Luftpumpstationen, und noch vor der harmlosesten Kurve warnen auffällige Schilder vor Unachtsamkeit.

 

Häuser wie riesige Weinkartons

Doch nicht nur der Weg, auch die Natur dazu wurde ganz neu angelegt. Abwechselnd blühen Roter Mohn und Weißer Klee, man fährt durch Waldstreifen mit Trauerbirken, Akazien und Taubenhäusern auf Stelzen, dann wieder ziehen sich grüne Schilfgürtel zum Wasser hin. Zur Rechten brandet oben der Verkehr, zur Linken zieht der Fluss dahin, bis zu einem Kilometer breit. Erstaunlich wenig Schiffe und Boote sind unterwegs – Seoul arbeitet, das Vergnügen wird aufs Wochenende verlegt. Am andern Ufer aber reißt die grauweiße Kette der Hochhäuser nicht ab: Häuser wie Zylinder, wie überdimensionierte Bleistifte, wie riesige Weinkartons – irgendwo müssen zehn Millionen Menschen schließlich wohnen.

Es ist ein entspanntes Velofahren. Während der nächsten Stunden quert man Seoul in einer Art Wasser-Grün-Gürtel von West nach Ost, und das Bild ändert sich nicht grundsätzlich. Man ist der Stadt nah, ist aus ihr raus und doch mittendrin – ein interessantes Paradox.

Heute, unter der Woche, sind nicht allzu viele Radfahrer unterwegs. Doch die, die entgegenkommen, sind ausstaffiert, als nähmen sie an einem 100-Kilometer-Querfeldeinrennen teil: eng anliegende, neueste Funktionskleidung in Schwarz, Handschuhe, verspiegelte Sonnenbrille, Mütze und Tuch – kein Fetzchen Haut ist auszumachen. Bloß keinen Sonnenstrahl auf meine kostbare Blässe, heisst die Devise. Niemand in Seoul will einem wettergegerbten Bauern ähneln.

Einzelne Landmarken strukturieren die Strecke. Lange fährt man auf City 63 zu, den goldschimmernden, 250 Meter hohen Wolkenkratzer, der anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1988 gebaut wurde und damals der höchste seiner Art in Seoul war. Längst sind andere an ihm vorbei in den Himmel gezogen. Der Lotte Tower wird, wenn er demnächst fertig ist, mit seinen 555 Metern mehr als doppelt so hoch sein.

 

Ein Brücken-Bilderbuch

An der Banpo-Brücke sprühen 380 Düsen auf 1140 Metern Länge Wasserkaskaden in den Fluss, bunte Lichter tanzen darauf und verwandeln die Kaskaden in einen plätschernden Regenbogen. Abends passiert das, wie eine Schautafel verrät. Jetzt ist die Brücke nur eine unter den sechsundzwanzig, die den Norden Seouls mit dem Süden verbinden. Eine der elf, die man im Lauf des Tages passiert – für Freunde von Brückenarchitektur ist die Tour wie ein vorüberziehendes technisches Bilderbuch.

Fahrradfahren am Fluss Hangang
Vorbei an Campingplätzen, Rosenbeeten und kleinen Kiosken geht es nach Osten. An den wiederkehrenden Trimm-dich-Stationen machen drahtige Großmütter Dehn-und Streckübungen. Gruppen von Freunden holen den Picknickkorb heraus und teilen ein paar Gimpae [Gimbap, Anm. d. Red. "Kultur Korea"], Reisrollen, die mit Huhn, Thunfisch und Gemüse gefüllt sind.

Dann kommt zur Rechten Gangnam in Sicht, das hipste und luxuriöseste Geschäftsviertel, das vor vier Jahren durch das Video «Gangnam Style» des Rappers Psy weltweit Furore machte. Zwischen Betonschleifen und staksigen Trägern geht es hinauf auf Stadthöhe, zu einem Abstecher ins quirlige Leben, weg vom beschaulichen Fluss. Radwege gibt es jetzt keine mehr, aber die Bürgersteige sind breit genug, dass Fußgänger und Velofahrer sie sich teilen können.

Gegenüber von COEX, dem gigantischen Kongress- und Ausstellungszentrum mit der zweitgrößten Shoppingmall Asiens, liegt der Bongeun-Tempel. Vorbei an grimmig blickenden, farbenprächtigen Holzwächtern tritt man durch das Tor in eine andere Welt. Ein Himmel aus farbigen Ballons spannt sich dahinter, jeder aus Spenden finanziert. Irgendwo leiert ein Priester Gebete, Gläubige sitzen tief versunken vor Buddhastatuen, ein Chor übt neue Lieder ein. Wohnwaben und gläserne Bürocontainer umschließen den Park mit seinen Eiben, Ahornbäumen und Bambusstreifen. Spatzen spielen in krumm gewachsenen Kiefern, nur noch von fern ist das Rauschen der Stadt zu vernehmen.

 

Gegen den Wind

Noch einmal verdichten sich die Kontraste, an denen Seoul so reich ist: Der individuellen Expressivität der Hochhäuser, von denen jedes «Ich, ich, ich» schreit, steht der Gestaltungswille der Tradition gegenüber. Eine in Jahrhunderten erarbeitete Stilsicherheit und Einheitlichkeit in Form und Materialien –bemalte Balken, geschwungene Ziegeldächer, Holzschnitzereien – behauptet sich gegen schräge Spiegelebenen, verspielte Säulen und ein Fachwerkhäuschen mit Schindeldach, das die krönende Spitze eines Wolkenkratzers bildet.

Zurück geht es am anderen Ufer. Über kleine Gersten- und Rapsfelder streicht der Wind, gegen den man jetzt stärker in die Pedale treten muss. Die Mapodaegyo-Brücke führt wieder ans Südufer. Sie hat einen traurigen Ruf als Absprungort für Selbstmörder. Auf allerlei Weise versucht man, die Unglücklichen vom Sprung in die Tiefe abzuhalten. Ganz modern, mit einem frei zugänglichen Sorgentelefon. Und höchst traditionell, im Vertrauen auf die tröstliche Wirkung der Lyrik. «Rote Kamelien blühen im Schneesturm, im Winter, im Frost. Deshalb sind sie so rot», steht auf dem Geländer. «Hier stehst du, im Sturm, der von vorn bläst. Aber auch du wirst blühen wie ein rote Kamelie.»

 

* Erstveröffentlichung des Artikels am 20.01.2017 in der NZZ (Nr. 16, S. 65)
© NZZ AG

 


Foto: Kaija Wosnitza

Franz Lerchenmüller berichtet als freier Reisejournalist aus aller Welt für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Radiostationen.

 

 

 

 

 

 

 

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